GNADENHOF: Sanftmut auf Hufen

Im Eselparadies Gähwil leben 17 Grautiere mit unterschiedlichsten Schicksalen und Charakteren. Eins ist allen gleich: ihre positive Kraft auf Menschen.

Ursula Ammann
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Die Esel machen sich nach einem Tag auf der Weide über das Heu im Stall her. (Bilder: Michel Canonica)

Die Esel machen sich nach einem Tag auf der Weide über das Heu im Stall her. (Bilder: Michel Canonica)

Cindy gähnt. Luca legt bedächtig den Kopf auf ihren Rücken. Etwas weiter hinten schnaubt Emily. Gemeinsam mit gut einem Dutzend weiterer Esel sind sie an diesem schönen Sommernachmittag auf der Weide. Als Willi Steffen und Nigel Carey die Wiese betreten, werden sie so selbstverständlich in der Mitte aufgenommen, als handle es sich um Herdenmitglieder.

Für Willi Steffen hat der Tag schon früh begonnen. Jeden Morgen steht er um 3.30 Uhr auf. Bevor er zur Arbeit geht, mistet er den Stall aus und füttert die Tiere. Eselin Emily wünscht vorher jeweils noch eine Besenmassage am Rücken. «Das ist wie ein Ritual», sagt Willi Steffen. So hat jedes Tierchen sein Pläsierchen. «Spartakus zum Beispiel sei um Spässe nicht verlegen», sagt Steffens Partner Nigel Carey. «Er klaut dem Hufschmied jeweils das Werkzeug aus dem Koffer.» Die beiden kennen die Charaktere ihrer Schützlinge nur zu gut. Mit den älteren unter ihnen verbringen sie schon ein halbes Leben. Vor knapp 30 Jahren haben sie Charly und Dorothy gekauft. Wie fast alle Grautiere, die heute im Eselparadies leben, hatten es die beiden an ihrem früheren Platz nicht gut. «Dorothy hatte Wunden am Kopf, weil die Halfter sich richtiggehend in die Haut eingeschnitten haben», erinnert sich Nigel Carey.
 

Esel sind nicht bockig

Im Eselparadies, das die beiden Männer vor drei Jahren in Gähwil aufgebaut haben, sollen die Tiere ihren Lebensabend verbringen können. Eine Daseinsberechtigung geniessen sie dort auch, ohne dafür einen Nutzen erbringen zu müssen.

Nigel Carey war schon als Kind berührt von den Grautieren. Damals besuchte er einen Gnadenhof der «Donkey Sanctuary» in Südengland. Ganz in der Nähe von dort, wo er aufgewachsen ist. «Die Gründerin habe von einem Tag auf den anderen ihr Hotel verkauft, um sich 500 Eseln anzunehmen, die sonst hätten geschlachtet werden müssen», erzählt Nigel Carey. 500 Esel sollen es in Gähwil aber nicht werden. Mit 17 haben die beiden Männer genug Herausforderung. Zumal noch Schafe, Ziegen, Hühner, Enten, Gänse, Katzen und zwei Hunde dazukommen. Das kostet Zeit und auch Geld. Einen Gewinn werfen die Tiere nicht ab – sollen sie auch nicht.

Um den idyllischen Gnadenhof finanzieren zu können, arbeitet Willi Steffen Vollzeit als Autolackierer. Daneben besorgt er den Stall. Vor seinen Eseln hat er eine hohe Achtung. «Es sind sehr schlaue Tiere, und wenn sie in irgendetwas keinen Sinn sehen, tun sie es auch nicht», sagt Willi Steffen. Das habe nichts mit Bockigkeit zu tun, sondern damit, Gefahrensituationen zu verhindern.

Viel Unterstützung erhält das Eselparadies durch Nachbarn und Freunde. Zudem helfen Patinnen und Paten, die Existenz zu sichern. Unter anderem mit finanziellen Zustüpfen. «Ein kleines Mädchen spende jeweils zwei Franken aus seinem Kässeli als Patentantenbeitrag», sagt Nigel Carey sichtlich gerührt. Einige Göttis und Gotten nehmen auch selbst mal eine Mistgabel in die Hand.
 

Grautiere und ihr Verhalten tun der Seele gut

Nigel Carey schaut während des Tages zum Rechten. Der gelernte Gastronom kann aufgrund einer seltenen Krankheit keiner externen Arbeit mehr nachgehen. Vier Operationen am Hirn hatte er schon und war insgesamt über 200 Mal im Spital. «Die Esel sind für mich die beste Medizin», sagt der 50-Jährige. «Sie sind sehr feinfühlig, merken genau, wenn es mir mal nicht gut geht.» Auch im Umgang mit behinderten Kindern, die ab und zu als Gruppe den Hof besuchen, hat er das schon beobachtet. Einem Jungen mit Down-Syndrom seien sie mit einer grossen Portion Sanftmut begegnet, und ein Mädchen im Rollstuhl hätten sie richtiggehend zum Strahlen gebracht. Dieses Seelenwohl, das die Grautiere bewirken, soll jedem zugutekommen. Das Eselparadies steht deshalb allen offen – bei freiem Eintritt. «Aber eine Anmeldung sei wünschenswert», sagt Carey. «Auch wenn es nur eine halbe Stunde vorher per SMS oder Whatsapp ist.» Einmal kam eine Anfrage von zwei Lehrern aus der Stadt Zürich. «Sie wollten wissen, ob sie auch ohne Kinder kommen dürften», erinnert sich Nigel Carey. Bei ihrem Besuch hätten sie dann einen ganzen Nachmittag auf der Wiese bei den Schafen verbracht, und der kleine Mondschein sei ihnen sogar auf die Knie gesessen.

Fast täglich gibt es jemanden, der vorbeischaut im Eselparadies. Und fast immer sind Carey oder Steffen auch da, um Fragen zu beantworten oder die Besucherinnen und Besucher herumzuführen. Ferien machen die beiden nämlich fast nie.

Nur an einen verregneten Sonntag kann sich Nigel Carey noch erinnern. «Da brauchten wir einfach unsere Ruhe», sagt der Brite. «Und selbst wenn die Königin von England vorbeigekommen wäre, hätte uns das nicht aus dem Haus gebracht», ergänzt er. Aber auch die Esel blieben an jenem Tag lieber im Stall. Sie meiden den Regen. Auch das nicht aus Bockigkeit, sondern weil sie als ursprüngliche Wüstentiere in der Nässe schneller krank werden.

www.eselparadies.ch