Glosse

Der Innerrhoder Ausländer Ich habe es nicht leicht in Innerrhoden: Zum einen bin ich reformiert – vielen Dank, Mutter –, und zum anderen arbeite ich bei einer Zeitung, die in Ausserrhoden ansässig ist. Ich weiss, es ist eine Beleidigung gegenüber dem ganzen Kanton.

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Der Innerrhoder Ausländer

Ich habe es nicht leicht in Innerrhoden: Zum einen bin ich reformiert – vielen Dank, Mutter –, und zum anderen arbeite ich bei einer Zeitung, die in Ausserrhoden ansässig ist. Ich weiss, es ist eine Beleidigung gegenüber dem ganzen Kanton. Sobald ich beruflich einen Termin in Innerrhoden habe, gehen die Probleme los. Denn ich brauche ein Visum, um die Grenze überschreiten zu können. Mein Nachname kommt zwar am Telefon mit der jeweiligen Person der zuständigen Behörde gut an, sobald ich aber einen Satz gesprochen habe, nützt er mir nicht mehr viel. Dann geht es erst richtig los mit der Schikane: «Ein Fässler mit St. Galler Dialekt? Sie sind sicher der von der Zeitung», heisst es dann. Und weil danach die Zustellung eines Visums Wochen dauert, färbt dies auch auf die Redaktion ab. Die Chefredaktorin muss eine wochenlange Vorausplanung erstellen, anders geht es gar nicht mehr. Und will ich einmal in meiner Freizeit ins Innere oder Äussere Land, wird es noch komplizierter. Ich muss einen falschen Schnurrbart aufkleben und mich über die grüne Grenze bei Gais oder Heiden schleichen. Wie ich gehört habe, wird bereits darüber diskutiert, einen Zaun zu errichten, damit ich nur noch offiziell einreisen kann.

Zum Glück sind die oben beschriebenen Szenarien nur Hirngespinste. Innerrhoden ist immer noch meine Heimat, und man staune: Dank meines Ausserrhoder Arbeitgebers habe ich sie wieder besser kennengelernt – nachdem ich durch meine Jugend in St. Gallen den Bezug zu ihr schon beinahe verloren hatte.

Markus Fässler