Gidio – Erinnerungen an früher

Jahrelang hat Hedy Stricker die Kinder aus dem Osten Herisaus nach dem Gidio-Umzug zu sich nach Hause eingeladen. Die Tage zuvor wurde jeweils ein Sujet-Wagen gebaut. Der Brauch des Gidio habe so viel zum damaligen Zusammenhalt im Quartier beigetragen, erinnert sich Stricker.

Roger Fuchs
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Hedy Stricker zeigt ein Album mit Fotos und Zeitungsartikeln, die an die Gidio-Zeiten mit den «Moosbergler Goofen» erinnern. (Bild: rf)

Hedy Stricker zeigt ein Album mit Fotos und Zeitungsartikeln, die an die Gidio-Zeiten mit den «Moosbergler Goofen» erinnern. (Bild: rf)

HERISAU. Wenn die heute 87jährige Hedy Stricker aus Herisau an ihre jüngeren Jahre und die damaligen Ereignisse rund um den Gidio-Brauch zurückdenkt, strahlt sie übers ganze Gesicht. Nahezu dreissig Jahre lang war sie als Mutter, unterstützt von vielen fleissigen Helfern, die treibende Kraft hinter den sogenannten «Moosbergler Goofen» im Osten Herisaus. Stets hätten sich die «Moosbergler» mit einem aktuellen Sujet am Gidio-Umzug beteiligt, erzählt

sie und blättert durch das Fotoalbum auf ihrem Küchentisch. Unzählige Erinnerungen flackern auf. Zu jedem Jahr und Sujet kommen ihr Geschichten und Anekdoten in den Sinn. Heute würden vorab Guggen und kaum mehr verzierte Wagen den Gidio prägen, bilanziert sie. «Immerhin aber ist der Brauch des Gidio in all den Jahren erhalten geblieben.»

Tee und Wienerli bekommen

Hedy Stricker ist im Sedel aufgewachsen und hat schon als Kind regelmässig den Gidio-Umzug besucht. Direkt nach der Abdankung und noch bevor sie mit vereinten Kräften jeweils den Sujet-Wagen die Eggstrasse hinauf zurück zum Sedel ziehen mussten, seien sie jeweils bei einer Frau an der Schützenstrasse zu Tee und Wienerli eingeladen worden, erzählt Stricker. Zu Hause hätte es in der damaligen Zeit oftmals nur den «Zipfel» eines Wienerli gegeben. Die Spendierfreudigkeit besagter Frau an der Schützenstrasse hat Hedy Stricker deshalb dermassen imponiert, dass sie als junge Mutter diese Tradition gleich selbst übernehmen wollte.

Und so kam es, dass Hedy Stricker, die zusammen mit ihrem Mann jahrzehntelang die Molkerei Stricker an der Oberdorfstrasse führte, um 1960 herum den Grundstein für die «Moosbergler Goofe» legte. Stricker hat wie einst die Frau an der Schützenstrasse die aus dem östlichen Herisau am Gidio teilnehmenden Kinder nach dem Umzug zu Tee eingeladen und zur Überraschung Wienerli gekocht. Auch die von der Gidio-Kommission erhaltenen Läckerli lagen bereit. «Nach dem Essen wurde jeweils gespielt», sagt Stricker. «Und dann haben wir stets einen Film mit Erinnerungen an frühere Gidio-Umzüge geschaut.» Gut dreissig Jahre lang zog Hedy Stricker dies durch. Umfassten zu Beginn die «Moosbergler Goofe» nur ihre eigenen Kinder, wuchs die Schar bis 1990 auf dreissig Kinder an. Der Gidio habe so enorm viel zum damaligen Zusammenhalt der Leute im Quartier beigetragen.

Denkt Hedy Stricker an die früheren Gidio-Zeiten zurück, lässt sie sich von Journalisten-Fragen kaum ablenken. Sie antwortet kurz, nimmt immer wieder das Fotoalbum zur Hand und blättert eine um die andere Seite um. Dabei verweist sie auch immer wieder auf die ausgeschnittenen Artikel aus der Appenzeller Zeitung, die stets über die «Moosbergler» berichtete. «Schauen Sie, hier haben wir einmal das Kinderfest auf die Schippe genommen, weil es bei Eis und Schnee stattfinden musste», so die rüstige Rentnerin und tippt mit dem Finger auf das entsprechende Fotosujet. Die Auflösung des Schlachthauses oder die erhöhten Spitaltarife wurden in den Jahren kurz darauf thematisiert.

Material günstig besorgt

Am Wochenende vor dem Gidio-Umzug herrschte jeweils Hochbetrieb, um alles bereitzustellen. Papier und Karton holten die Kinder gemäss Stricker in der Walke-Papierfabrik, Nägel und Holz gab's vom Schreiner im Quartier. Der Stoff für die Kostüme sei billig in der Steig besorgt worden. Apropos Kostüme: Hedy Stricker kreierte jeweils ein Modell, das die Mütter der «Moosbergler Goofe» in einem Nebenraum der Molkerei begutachten konnten. Mit Stoff ausgerüstet hätten die Mütter dann für ihre Kinder analog zum Modell die Kleidung für den Gidio-Umzug geschneidert.

Wenn in diesem Jahr nun Gidio Hosestoss in Herisau zum 169. Mal zu Grabe getragen wird, lässt sich dies auch die einstige «Strippenzieherin» der «Moosbergler Goofe» nicht entgehen. «Die Kinder von damals sind heute in der ganzen Schweiz verteilt», sagt Stricker. Immer wieder komme es am Gidio-Umzug aber zu überraschenden und vertrauten Begegnungen.

Bild: ROGER FUCHS

Bild: ROGER FUCHS