Gewerkschafts-Ökonom Reto Wyss: «Innerrhoden ist eine Steuerhölle für Wenigverdienende»

Für Unternehmen sind die Steuern im Kanton Appenzell Innerrhoden tief – nicht so für Familien mit geringem Einkommen, sagt Gewerkschafts-Ökonom Reto Wyss.

Claudio Weder
Hören
Drucken
Teilen
Reto Wyss, Zentralsekretär Ökonomie beim Schweizerischen Gewerkschaftsbund, stellt die Innerrhoder Kantonsfinanzen auf den Prüfstand.

Reto Wyss, Zentralsekretär Ökonomie beim Schweizerischen Gewerkschaftsbund, stellt die Innerrhoder Kantonsfinanzen auf den Prüfstand.

Bild: Claudio Weder

Appenzell Innerrhoden gilt als Steueroase: In keinem anderen Kanton sind die Unternehmenssteuern so tief wie in Innerrhoden. Und auch natürliche Personen müssen vergleichsweise wenig an die Staatskasse abdrücken. «Wenn man die unterschiedlichen Einkommensklassen anschaut, sieht dies aber anders aus», sagt Reto Wyss, Zentralsekretär Ökonomie beim Schweizerischen Gewerkschaftsbund.

Am Montag war er – genauso wie Säckelmeister Ruedi Eberle – Gastreferent an der von der SP AI organisierten Veranstaltung «Appenzell diskutiert», bei welcher die Innerrhoder Kantonsfinanzen auf den Prüfstand gestellt wurden. Mitdiskutiert haben nicht nur SP-Mitglieder, sondern auch Vertreter der FDP, der GFI oder der SVP. Einer von Wyss’ Kritikpunkten liess aufhorchen:

«Innerrhoden ist eine Steuerhölle für Wenigverdienende.»

Gutverdienende haben bessere Karten

Zur Veranschaulichung seiner, wie er selbst sagte, etwas provokativen These präsentierte Wyss eine Berechnung auf Basis der Steuerdaten des Jahres 2019 (siehe Grafik).

«Bei einem jährlichen Bruttoeinkommen von 40 000 Franken zahlen Verheiratete mit zwei Kindern in Innerrhoden schweizweit am meisten Steuern».

Liegt das jährliche Bruttoeinkommen hingegen bei einer Million, belegt Innerrhoden im Steuerhöllen-Ranking den 24. Platz. Das heisst: Nur in zwei anderen Kantonen zahlen Gutverdienende weniger Steuern. Das sei «ziemlich schockierend», so Wyss.

«Je ärmer man ist, desto schlechtere Karten hat man in Innerrhoden im Vergleich zur übrigen Schweiz.»

Und bei ledigen Steuerzahlern? Hier präsentiert sich die Kurve in der Grafik etwas flacher. Dennoch zeichnet sich ein ähnliches Bild ab: Beim tiefsten Einkommenswert (20 000 Franken) belegt Innerrhoden mit Rang fünf erneut einen «Spitzenplatz der steuerungünstigen Kantone», so Wyss.

Zu diesem Punkt äusserten sich mehrere Anwesende. FDP-Vizepräsident Gido Karges etwa beanstandete, dass man bei einem schweizweiten Vergleich die innerkantonale Verteilung der Einkommen berücksichtigen müsse. Die Verteilung der Einkommen sei in Innerrhoden anders als in urbanen Kantonen. «Es gibt viele Innerrhoder, die geringe Einkommen haben, und nur sehr wenige, die sehr reich sind. In Zürich sähe das anders aus.»

Auch Säckelmeister Ruedi Eberle äusserte sich zum Steuerhöllen-Vorwurf. Er sieht keinen Grund für eine Anpassung. «Eine Erhöhung der Steuern für Vermögende ist nicht denkbar. Will man die Wenigerverdienenden entlasten, müsste man die entstehenden Ausfälle über eine Erhöhung beim Mittelstand angleichen.»

Zudem ist Eberle der Auffassung, dass der Steuerbeitrag die Innerrhoder Bevölkerung motivieren würde, am politischen Geschehen teilzunehmen. Dem hielt Wyss entgegen: «Auch in anderen Kantonen, wo die Steuern tiefer sind, tragen die Bürger etwas zum Gemeinwohl bei.»

Kritik an den Steuerabzügen

Ebenso Thema waren die steuerlichen Massnahmen, die im Rahmen der laufenden Steuergesetzrevision umgesetzt werden sollen. Dazu gehören die Erhöhung der Kinder- und Ausbildungszulagen, die Erhöhung der Abzüge bei den Kinderdrittbetreuungskosten sowie die Anhebung des steuerlichen Existenzminimums. Kritisiert wurden vor allem die Steuerabzüge. «Steuerabzug ist kein sozialer Ausgleich», sagte SP-Parteipräsident Martin Pfister. Reiche könnten mehr Abzüge geltend machen als weniger Verdienende. Das sei unfair. «Die Steuerabzüge müssten für alle gleich hoch sein», so Pfister.