Gesucht: Grundbuchverwalter

Immer mehr Toggenburger Gemeinden bekunden Mühe, vakante Stellen auf dem Grundbuchamt wieder zu besetzen. Der Grundbuchinspektor des Kantons St. Gallen, Ernst Kurer, kennt die Gründe für den Mangel an Grundbuchverwaltern.

Urs M. Hemm
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Die Grundbuchgeschäfte der Gemeinde Nesslau werden neu vom Grundbuchamt der Gemeinde Ebnat-Kappel abgewickelt. (Bild: Urs M. Hemm)

Die Grundbuchgeschäfte der Gemeinde Nesslau werden neu vom Grundbuchamt der Gemeinde Ebnat-Kappel abgewickelt. (Bild: Urs M. Hemm)

Oberhelfenschwil musste schon 2013 die Führung seines Grundbuchamtes an Neckertal übergeben, jetzt Nesslau an Ebnat-Kappel. Dies, weil die Stelle des Grundbuchverwalters nicht besetzt werden konnte. Die Gemeinde Hemberg konnte ihre Vakanz nur per Zufall wieder besetzen. Sind Grundbuchverwalter derart rar?

Ernst Kurer: Grundbuchverwalter sind gesucht. Die Tätigkeit setzt einen Fähigkeitsausweis voraus. Das führt dazu, dass die Berufsleute ihre Stelle teilweise aussuchen können. Wer aus Sicht der Grundbuchverwalter keine attraktive Stelle zu bieten hat, tut sich mit der Stellenbesetzung schwer. Zudem benötigt unsere äusserst dezentrale Grundbuchorganisation überdurchschnittlich viele Grundbuchverwalterinnen und Grundbuchverwalter. So befindet sich fast ein Drittel aller Grundbuchämter in der Schweiz im Kanton St. Gallen. Wird an der jetzigen Organisation festgehalten, begleitet uns der Fachkräftemangel noch viele Jahre. In den nächsten Jahren wird zudem eine überdurchschnittlich grosse Zahl von Grundbuchverwaltern pensioniert. Fachkräftemangel herrscht übrigens nicht nur im Grundbuchbereich.

Die Prüfung zum Grundbuchverwalter findet jährlich statt, aber nur dann, wenn es mindestens sechs Anwärter hat. Die nächste Prüfung ist laut Ihrer Homepage auf die erste Hälfte 2017 angesetzt. Gibt es zu wenig Kandidaten für den Fachausweis?

Kurer: Tatsächlich hatten wir für die Prüfung 2016 keine einzige Anmeldung, obwohl auch Personen aus den Kantonen Thurgau, den beiden Appenzell, Schaffhausen und Graubünden immer wieder unsere Prüfung absolvieren. Für 2017 rechnen wir mit genügend Anmeldungen. Zur Prüfung wird nur zugelassen, wer zwei Jahre Grundbuchpraxis und eine geeignete Ausbildung vorweisen kann. Eine solche Ausbildung wird von der Akademie St. Gallen angeboten und von den Gemeinden und dem Kanton unterstützt. Um jedoch die nötige Praxis zu erlangen, braucht es einen Ausbildungsplatz auf einem Grundbuchamt. Die Anzahl Ausbildungsplätze war aber über viele Jahre zu gering, um den Nachwuchs sicherzustellen, sie wurde jedoch in den letzten Jahren leicht erhöht. Damit die Ausbildungsplätze mit gutem Personal besetzt werden können, müssen Auszubildende schon während ihrer Lehrzeit für die Grundbuchtätigkeiten begeistert werden.

Der Prüfungsstoff, der für den Fähigkeitsausweis verlangt wird, ist sehr anspruchsvoll. Könnte dies abschreckend wirken?

Kurer: Die Prüfung ist dem Anforderungsprofil entsprechend anspruchsvoll. In verschiedenen Kantonen wird sogar ein juristisches Studium gefordert. Die Dauer des Lehrgangs ist für einen kantonalen Fähigkeitsausweis eher hoch. Die Prüfungskandidatinnen sind meistens sehr jung, was die Durchfallquote erhöht. Diese drei Faktoren können abschreckend wirken.

Die Stelle des Grundbuchverwalters kleinerer Gemeinden ist oft niedrigprozentig. Wollen die ausgewiesenen Grundbuchverwalter nur 100-Prozent-Stellen, nachdem sie zur Erlangung der Befähigung so viel investiert haben?

Kurer: Teilzeitstellen sind begehrt. Es gibt nur noch wenige Generalisten, welche mehrere Fachbereiche abdecken wollen. Der st. gallische Grundbuchverwalter muss drei anspruchsvolle Hauptaufgaben bewältigen: Grundbuchführer, Urkundsperson in Grundbuchsachen und die Mitwirkung bei Grundstückschätzungen. Nach unseren Informationen wollen viele junge Berufsleute in einem Team arbeiten, in dem sie sich fachlich austauschen und weiterentwickeln können.

Wie stehen Sie zu Zusammenlegungen von Grundbuchämtern kleinerer Gemeinden, wie es jetzt Nesslau und Ebnat-Kappel gemacht haben?

Kurer: Das Grundbuchamt Nesslau stufen wir nicht als kleines Grundbuchamt ein. Als Aufsichtsbehörde über die Grundbuchführung begrüssen wir die Zusammenlegung von kleineren Grundbuchämtern, weil diese Massnahme in der Regel zu einer Qualitätssteigerung führt und den Bürgern die Dienstleistungen des Grundbuchamtes während der Büroöffnungszeiten zur Verfügung stehen. Dies verlangt auch die eidgenössische Grundbuchverordnung. Es gab aber auch immer wieder erfreuliche Ausnahmen bei kleinen Grundbuchämtern, die qualitativ mithalten konnten.

Welche Vorteile bringt ein gemeinsames Grundbuchamt für die Gemeinden?

Kurer: Den grössten Vorteil sehe ich in der höheren Qualität und damit in der grösseren Rechtssicherheit für die Bürger, die Wirtschaft, die Gemeinde und den Kanton. Für die Wirtschaft und den Bürger ist die bessere Erreichbarkeit des Grundbuchamtes ein Vorteil. Die Gemeinde und deren Angestellte profitieren von attraktiveren Arbeitsplätzen. Die Abhängigkeit der Gemeinde von einer angestellten Person kann reduziert werden. Der Steuerzahler und die Gemeinde profitieren von insgesamt geringeren Kosten, weil allein der Initialaufwand für die Führung eines Grundbuchamtes erheblich ist.

Welche Nachteile könnten daraus entstehen?

Kurer: Die Kundinnen müssen für ihre Grundbuchgeschäfte die Nachbargemeinde aufsuchen. Der Gemeinde gehen mindestens eine Teilzeitarbeitsstelle und eine Fachperson im Bereich Grund und Boden verloren. Bei vielen Entscheidungen auf Gemeindeebene ist dieses Wissen wichtig.

Wo sehen Sie die Zukunft im Grundbuchbereich?

Kurer: Die Spezialisierung und Konzentration macht auch vor den Grundbuchämtern des Kantons St. Gallen nicht halt. Die Anforderungen steigen laufend in diesem Bereich. Schweiz- und weltweit stehen wir mit unserer grundsätzlich gemeindeweisen Organisationsstruktur zusammen mit Appenzell alleine da. Mehrere Kantone führen nur noch ein Grundbuchamt. Die Entwicklung der letzten 40 Jahre geht in Richtung grösserer Einheiten. Persönlich sehe ich die ideale Grösse eines Grundbuchamtes bei zwei bis drei ausgebildeten Grundbuchverwalterinnen mit dem notwendigen Personal. Solche Teams sind sehr produktiv und werden nach unserer Erfahrung durch die natürliche Konkurrenz und den fachlichen Austausch von Jahr zu Jahr besser. Die Gesamtzahl der Grundbuchämter im Kanton St. Gallen würde sich demnach von jetzt 67 auf etwa 30 bis 35 Ämter reduzieren.

Ernst Kurer Grundbuchinspektor Kanton St. Gallen (Bild: pd)

Ernst Kurer Grundbuchinspektor Kanton St. Gallen (Bild: pd)

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