Gestorben wird auch im Musical

Zehn Minuten vor der Pause ist die Stimmung unten. Ganz unten. Es ist bei «Stilli Zärtlichkeite» mucksmäuschenstill im Thurpark-Saal, man würde eine Nadel herunterfallen hören.

Michael Hug
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Der plötzliche Tod des Bauern (Res Mattys) erschüttert den Göttibub Sepp (Christian Näf).

Der plötzliche Tod des Bauern (Res Mattys) erschüttert den Göttibub Sepp (Christian Näf).

Gebannt schaut das Publikum auf die Szene auf der Bühne. Niemand wagt den Kopf zu drehen, aus Angst, sich gegenseitig in die tränengefüllten Augen zu sehen. Es ist in der Tat zum Weinen. Auf der Bühne scheint Engelchen (Barbara Klossner) den bärbeissigen Heiri (Res Mathys) zum Guten bekehrt zu haben, da bricht der Bauer tot zusammen. Noch bevor er Frieden schliessen konnte mit seinem Göttibub Sepp (Christian Näf), den er sein ganzes Leben nur drangsaliert und schikaniert hatte.

Hin- und hergerissen von Emotionen sieht das Publikum im Thurpark keinen Weg aus dem Drama, das sich da vor ihm abspielt. Es scheint schwer geschockt. Man hätte es aber wissen können. 2008 hatte Ruedi Roth als Regisseur in Hemberg das Drama «Der Spielmann» auf die Bühne gebracht. Auch da wurde gestorben auf der Bühne und verschämt geweint im Saal. Zum Lachen gab es drei Stunden lang nichts.

Jetzt, wo der selbe Ruedi Roth als Komponist und Autor mit Regisseur Peter Zimmermann das tragikomische Musical «Stilli Zärtlichkeite» zur Premiere brachte, musste man eigentlich wissen, worauf man sich da einliess. Ein oberflächliches Nullachtfünfzehn-Bauernmusical würde das nicht werden, wer dies erwartete, war nach der Premiere oder einer der zwei weiteren Aufführungen im Wattwiler Thurpark gewiss enttäuscht.

Zweieinhalb Stunden Leiden

Doch es gab keine Enttäuschung zu sehen nach zweieinhalb Stunden schierem Leiden. «Grossartig, alles!», sagte einer weit hinten im Saal zum Tischnachbarn. «Bravo!», riefen die Vorderen, alle standen sie am Schluss und applaudierten überschwenglich. Noch betreten gingen sie in die Pause, eine Stunde später waren alle mit der Geschichte wieder versöhnt, obwohl sie nicht ganz so ausging, wie man es sich gedacht hatte. Ein Musical muss ein Happy End haben, so die Meinung. «Stilli Zärtlichkeite» hatte ein glückliches Ende – aber nicht das erwartete. Dennoch, so hatte man sich das nicht vorgestellt, aber dem Projekt wird trotzdem ein grosser Erfolg beschieden sein, wenn es nun auf Tournée durch neun vorwiegend ländliche Orte der Schweiz geht.

Zum Greifen nah und echt

Ein neues Genre hat am vergangenen Samstag in Wattwil das Licht der Welt erblickt: Das erste Schweizer, sehr wahrscheinlich weltweite, Jodelmusical. Geschichten werden nun in Musicals nicht mehr nur gespielt, gesungen und getanzt, sondern künftig – bleibt zu hoffen – auch gejodelt und gejohlt. Das gibt der Handlung noch mehr Tiefe, berührt noch mehr, evoziert Emotionen. Es ist das, was das Publikum will – Emotionen! Möglichst zum Greifen nah und möglichst echt. Es bekam am Wochenende, was es wollte.

Das Ensemble um Ruedi Roth, Peter Zimmermann und Choreographin Franziska Flückiger hat grosses Theater gemacht und Herzen berührt. Was auf einer Jodel-Schiffsreise irgendwo auf einem europäischen Gewässer seinen Anfang nahm, haben Ruedi Roth und der Freiburger Eventmanager und Jodler Erwin «Buba» Bertschy zu einem vorläufigen Abschluss gebracht. Nun darf das Publikum profitieren. Vom ersten Jodelmusical mit Tiefgang und Emotionen – hoffentlich nicht dem letzten.

Sepps (Christian Frick) und Annemaries (Regula Ritler) Liebe darf nicht sein.

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Da war die Welt noch in Ordnung: Auftakt mit dem ganzen Musicalensemble. (Bilder: Michael Hug)

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Und plötzlich geht es dem Pfarrer (Buba Bertschy) schlecht und die Ärzteschaft weiss keinen Rat.

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Sepp (Christian Frick) bekommt nicht Annemarie, dafür eine Tochter (Aline Bächler).

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Komponist und Autor Ruedi Roth spielte im Musical den Erzähler.

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