Gesprächsstoff

Ich habe meine Muse gefunden. Sie lag unter dem Weihnachtsbaum, versteckt in einem kleinen unscheinbaren Kästchen. Ihr Name ist «Gesprächsstoff», und gemäss ihren Erzeugern sorgt sie «für zündende Konversation in netter Gesellschaft».

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Ich habe meine Muse gefunden. Sie lag unter dem Weihnachtsbaum, versteckt in einem kleinen unscheinbaren Kästchen. Ihr Name ist «Gesprächsstoff», und gemäss ihren Erzeugern sorgt sie «für zündende Konversation in netter Gesellschaft». Tatsächlich brennen ihr über hundert Fragen auf der Zunge, die hie und da vermeintlich unumstössliche Bedingungen sämtlichen Lebens erschüttern. «Welche der sieben Todsünden begehst Du am häufigsten?», fragt sie. «Was wäre anders, wenn die Welt von Frauen beherrscht würde?» Oder: «Wenn Du vor der Wahl stehen würdest, für den Rest Deines Lebens zu sitzen oder zu stehen, wie würdest Du Dich entscheiden?» – Da gerät Mensch ins Schwitzen. Glauben Sie mir, ich weiss, wovon ich schreibe, denn ihre erste Frage an mich lautete: «Wenn Du für 30 Sekunden die Aufmerksamkeit der gesamten Welt hättest – was würdest Du sagen oder tun?»

Ganz ehrlich? Ich bliebe stumm und tatenlos zugleich. Die Aufmerksamkeit der gesamten Welt – für mich, die an Lampenfieber erkrankt ist, eine Grausamkeit. Könnte ich meine Gedanken aber aufschreiben, vervielfältigen und der gesamten Welt zum Lesen aushändigen, sähe die Sache anders aus. Doch was schreibe ich? Ich scheitere bereits bei der Anrede. Wie grüsst man die gesamte Welt? Höflich oder persönlich? Politisch korrekt oder locker von der Leber weg? Ich entscheide mich für die klassische Variante und schreibe: «Liebe Welt.» So weit, so gut. Und nun? Je mehr ich versuche, mich auf das Wesentliche zu konzentrieren, desto weiter kreisen meine Gedanken. Im Treppenhaus ist es ruhig. Wann habe ich das nächste Mal Waschtag? Die Nachbarn sind wohl in den Ferien. Das Waschmittel ist alle. Soll ich in den Ferien verreisen? Morgen muss ich einkaufen. Ich habe Hunger. Die Milch reicht vielleicht noch für einen Tag. Was soll ich kochen? Orangensaft muss ich auch besorgen. Und frisches Brot. Und Kaffee. Und, wenn ich schon dabei bin, eine Tüte Kekse. Ich stehe auf, wandle in die Küche – und schreibe statt einer Rede an die Welt eine Einkaufsliste für meinen Haushalt.

Susanna Schoch