Geschichten – frei von der Leber

Auf Wiki-Speicher erzählen Speicherer von einem Luftkampf im Zweiten Weltkrieg, von einer Begegnung mit einem ehemaligen Verdingbub oder von einem nahezu ausgestorbenen Beruf. 30 000 Besuche hatte die Seite letztes Jahr.

Chris Gilb
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Die Speicherin Hanna Merz misst seit 1957 die Milch aus. (Bild: pd)

Die Speicherin Hanna Merz misst seit 1957 die Milch aus. (Bild: pd)

SPEICHER. Wer auf Wiki Speicher geht, findet unter dem Punkt «Erzählte Geschichte» eine Auflistung von Buchstaben. Wer auf den Buchstaben V klickt, gelangt zu einem Video mit dem Stichwort Verdingbub. Protagonist des Videos ist der Speicherer Edy Tanner. Er erzählt eine Geschichte zu seinem Dorf vor der Kamera, die ihm sichtlich nachgegangen ist. Ende der 70er-Jahre habe er in einer Wirtschaft im Speicher einen älteren Herren getroffen, der nicht so schöne Erinnerungen an dieses Dorf gehabt habe. Er erzählte Tanner, dass er früher als Verdingbub auf einem Hof in Speicher arbeiten musste. Schon morgens um fünf sei der Verdingbub geweckt worden und habe den ganzen Tag Schwerstarbeit leisten müssen. Den Hof, um den es geht, kennt Tanner gut, er ist der heutige Besitzer.

Vor Vergessen bewahren

Der Mitinitiant von Wiki-Speicher, Peter Abegglen, hat das Video mit Tanner im November 2015 aufgenommen: «Obwohl es aus heutiger Sicht völlig inakzeptabel wirkt, waren die Verdingbuben früher Normalität. Solches Wissen über die Verhältnisse im Dorf zu einer anderen Zeit, wollen wir digital, vor der Vergessenheit bewahren.» Seit Abegglen und Paul Hollenstein 2014 das Projekt an der 400-Jahr-Feier der Gemeinde vorstellten, hätten sich einige Speicherer mit spannenden Geschichten an sie gewandt. Sowie Tips gegeben, wer auch noch etwas interessantes berichten könnte. «9000 verschiedene Personen haben Wiki-Speicher im Jahr 2015 besucht und waren insgesamt 30 000mal auf der Seite», sagt Abegglen. Wenn er mit der Kamera zu den Protagonisten nach Hause gehe, wolle er, dass diese frei von der Leber erzählen. «Manchmal haben sie Skripts vorbereitet, ich bitte sie, diese dann umzudrehen.»

Unter dem Buchstaben M steht die Tätigkeit «Milch ausmessen». Im zugehörigen Beitrag geht es um Hanna Merz, die seit 1957 im Speicher Milch ausmisst, was soviel heisst wie mit der Milchkanne von Haus zu Haus zu gehen. Früher habe sie ihre Arbeit noch mit dem Töffli erledigt. Doch seit der Verkehr so zugenommen habe, sei sie lieber mit einem Wägelchen unterwegs. Mit ihren kräftigen Armen zieht sie dieses im Beitrag durchs Dorf und deponiert frische Milch in den Milchkästen ihrer Kunden. «Ich wage zu behaupten, dass sie die einzige ist, die diesen Beruf im Kanton noch ausübt, dadurch ist sie prädestiniert für einen Wiki-Eintrag», sagt Abegglen.

Keine allgemeinen Geschichten

Um zu erklären, welche Art von Geschichten für Wiki-Speicher in Frage kommt, bedient sich Abegglen immer dem gleichen Beispiel: «Wenn jemand darüber spricht, wie es war, im Krieg Essensmarken zu verwenden, interessiert uns das nicht, denn dies betraf die ganze Schweiz. Der Luftkampf über Speicher hingegen ist genau, was wir suchen.» Er nimmt damit Bezug auf ein Video unter dem Buchstaben L. Die beiden Protagonisten des Beitrags Margrit Bissig und Willi Engler kommen gleich in mehreren Videos vor. Dies habe damit zu tun, dass die Videos kurz und bündig sein sollen und deshalb pro Beitrag nur ein Thema besprochen werden könne, erklärt Abegglen. Willi Engler erzählt, wie zwei alliierte und zwei Schweizer Kampfflugzeuge im Zweiten Weltkrieg im Tiefflug über Speicher flogen. Er sei als Kind neben der ehemaligen Maskenfabrik Müller gestanden, als es angefangen habe, zu pfeifen. Die Schweizer Jets hätten die alliierten verfolgt und dann über Speicher auf diese geschossen. Ein Geschoss sei in den Strassengraben gestürzt und habe dort die Erde aufgewühlt.

Jüngere Protagonisten gesucht

Bisher stammen die Wiki-Beiträge hauptsächlich von älteren Bewohnern. Dies soll sich nach Abegglen ändern: «Wir wollen stärker mit der Schule zusammenarbeiten. Die Idee ist, dass Lehrer mit den Schülern spannende Erlebnisse oder Projekte auf das Wiki stellen.» Was weit zurück liegt, käme einem automatisch wichtiger vor. Genauso interessant seien aber Entwicklungen, die im Gang seien. Eine dieser Entwicklungen ist, dass andere Gemeinden auf die Vorzüge von Wiki-Speicher aufmerksam werden. «Ich wurde angefragt, dieses schweizweit einmalige Projekt andernorts vorzustellen», sagt Abegglen.

Edy Tanner begegnete einem ehemaligen Verdingbub in Speicher. (Bild: pd)

Edy Tanner begegnete einem ehemaligen Verdingbub in Speicher. (Bild: pd)

Peter Abegglen Nimmt die Videobeiträge für Wiki-Speicher auf (Bild: pd)

Peter Abegglen Nimmt die Videobeiträge für Wiki-Speicher auf (Bild: pd)

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