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GESCHICHTE: Schwerste Krise des Bundesstaates

1918 gingen beim Landesgeneralstreik 250000 Arbeiter und Gewerkschafter auf die Strasse. Im Toggenburg hielt sich die dreitägige Arbeitsniederlegung vom 12. bis 14. November 1918 in Grenzen.
Beat Lanzendorfer
Das Foto aus dem Jahr 1910 zeigt das neue Wattwiler Bahnhofsgebäude mit der Passerelle.

Das Foto aus dem Jahr 1910 zeigt das neue Wattwiler Bahnhofsgebäude mit der Passerelle.

Die ausgeprägte Streiktätigkeit am Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts ist auf die damals herrschenden sozialen Ungerechtigkeiten zurückzuführen. Zählte man zwischen 1870 und 1900 insgesamt 657 Streiks, sollte sich diese Zahl im ersten Jahrzehnt des neuen Jahrhunderts auf 1418 mehr als verdoppeln. Erste Generalstreiks in Genf und Zürich zeugten vom Unmut der Arbeiterschaft.

Einer der führenden Köpfe zu jener Zeit war der Sozialdemokrat und spätere Nationalrat (Amtszeit von 1911 bis 1955) Robert Grimm. Auf seine Initiative hin wurde 1918, im letzten Kriegsjahr des Ersten Weltkriegs (1914 bis 1918), das Oltener Aktionskomitee gegründet. Als Präsident dieser Organisation war der damals 37-jährige Robert Grimm treibende Kraft bei der Organisation des Landesgeneralstreiks, der über drei Tage vom 12. bis 14. November 1918 andauerte und die schwerste Krise in der Geschichte des schweizerischen Bundesstaates heraufbeschwor.

Das Toggenburg bleibt mehrheitlich verschont

Die Auswirkungen des Landesgeneralstreiks blieben im Toggenburg überschaubar. Die Firma Heberlein und Co. AG beschäftigte vor hundert Jahren als grösster Arbeitgeber der Region rund 750 Mitarbeitende. Dem Unternehmen gelang es allerdings, den grössten Teil seiner Arbeiterschaft davon zu überzeugen, von einem Streik abzusehen. Verschiedenen Quellen zufolge entschädigte die Firma Heberlein die loyalen Mitarbeiter mit grosszügigen Lohnerhöhungen. Die wenigen Unruhestifter wurden allerdings in der Regel fristlos entlassen.

Gefahr sollte hingegen von ausserhalb aufkommen. Um Sabotageakte von Streikenden anderer Betriebe zu verhindern, wurden Tag und Nacht Wachen eingesetzt. Belegt ist unter anderem die Forderung von zehn ehemaligen Schlossern, der ebenfalls in Wattwil domizilierten Maschinenfabrik J. Schwegler, die ihren Lohn jetzt bei der He-berlein bezogen. Auf die Forderung nach 20 Rappen mehr Stundenlohn ging die Heberlein und Co. AG hingegen nicht ein. Darauf reichten sie die Kündigung ein und riefen zum Boykott auf. Als das Vorhaben nicht die erhoffte Wirkung zeigte, versuchten sie die Kündigung zurückzuziehen. Vergeblich – die Firma Heberlein fand schnell Ersatz für die Abtrünnigen. Die Unsicherheit führte aber so weit, dass bewaffnete Mitarbeiter für den Schutz der Firmenbesitzer Georges und Eduard Heberlein abgestellt worden sind.

Die Folgen des Landesgeneralstreiks

Die Forderungen der Streikenden blieben nach Abbruch der Arbeitsniederlegung aufrecht. Einige wurden umgesetzt, andere blieben Wunschdenken. So wurde etwa die 48-Stunden-Woche bereits Anfang 1920 verwirklicht. Fünf Jahre später wurde die AHV in die Verfassung aufgenommen. Bis zu deren Einführung am 1. Januar 1948 sollten allerdings noch 23 Jahre ins Land ziehen. Noch länger dauerte es, bis die Frauen das Recht erhielten, sich an nationalen Abstimmungen und Wahlen zu beteiligen. Während dies zum Beispiel in Deutschland und Österreich schon 1918 der Fall war, mussten sich die Frauen in der Schweiz bis 1971 in Geduld üben.

Die Jahre nach dem Ersten Weltkrieg sollten der Weltwirtschaft einen Aufschwung bescheren, von dem auch die Schweiz profitieren konnte. Nicht umsonst wird von den «Goldenen Zwanzigern» gesprochen. Der Begriff veranschaulicht den Wirtschaftsaufschwung in vielen Industrieländern. Das Ende des stetigen Aufwärtsstrebens kam am 25. Oktober 1929, der als Schwarzer Freitag in die Geschichte eingeht. Es war der Tag, an dem die Börse an der New Yorker Wall Street ein historisches Tief erreichte.

Das Ende der Weltwirtschaftskrise läutete 1933 Franklin Delano Roosevelt (1882 bis 1945), der 32. Präsident der Vereinigten Staaten, mit einer Serie von Wirtschafts- und Sozialreformen ein – besser bekannt als «New Deal». 1933 war allerdings auch jenes Jahr, in dem die Nationalsozialisten unter Adolf Hitler in Deutschland die Macht ergriffen, was sechs Jahre später den Beginn des Zweiten Weltkrieges (1939 bis 1945) zur Folge hatte. Der zweiten globalen Katastrophe innert weniger Jahrzehnte.

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