GERICHTSFALL: «Wrummmm» – und dann flog er

Ein 61-jähriger Autofahrer, der wegen fahrlässiger Körperverletzung und einfacher Verletzung der Verkehrsregeln angeklagt war, wird freigesprochen. Verfahrenskosten gehen zu Lasten der Staatskasse.

Margrith Widmer
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Der Autolenker habe bei einem Überholmanöver einen Motorradfahrer zwischen Teufen und Bühler «abgeschossen», so der Staatsanwalt. Der Motorradfahrer sei ihm wie ein «Geimpfter» in den Seitenspiegel geknallt, so der Beschuldigte. Er habe nur «Wrrrummm» gehört «wie von einem Ferrari» – und dann den Motorradfahrer fliegen sehen, so der Zeuge. Der heute 61-jährige Autolenker fuhr am 15. Juli 2015 von Teufen nach Bühler. Auf der Tempo-80-Strecke überholte er einen mit Tempo 45 fahrenden Personenwagen, als es links knallte. Der Motorradfahrer flog übers Geleise der Appenzeller Bahnen und blieb 57 Meter nach dem Zusammenprall anfangs bewusstlos und verletzt auf einem Vorplatz in der «Unteren Schwendi» liegen. Das Motorrad schlitterte 71 Meter dem linken Strassenrand entlang. Der Motorradfahrer konnte sich später nicht mehr an den Unfallhergang erinnern.

Der Staatsanwalt ging davon aus, der Beschuldigte habe beim Start zum Überholmanöver den von hinten nahenden, ebenfalls überholenden Motorradlenker übersehen und ihn mit dem linken Kotflügel touchiert. Das ergebe das Spurenbild. Festgestellt wurden Pneuabrieb-Spuren, die «höchstwahrscheinlich von einem Bremsmanöver des Motorradfahrers stammen dürften».

Der Motorradfahrer müsse sich während des Überholmanövers Mitte-links auf der Höhe des Autos des Beschuldigten befunden haben, als dieser seinerseits zum Überholen angesetzt und den Motorradfahrer regelrecht abgeschossen habe, folgerte der Staatsanwalt. Der Autolenker habe «höchstwahrscheinlich zwar in den Seitenspiegel geschaut, aber den Seitenblick unterlassen», während sich der Motorradfahrer schon im «toten Winkel» befand und dieser noch vergeblich versucht habe, eine Vollbremsung einzuleiten, so der Ankläger in seiner Beweiswürdigung.

Ein «Chlapf» und dann ein Flug

Per Strafbefehl verurteilte der Staatsanwalt den Autolenker zu einer bedingten Geldstrafe von 20 Tagessätzen zu 140 Franken, – 2800 Franken, einer Busse von 600 Franken und Gebühren und Polizeikosten von 600 Franken. Dagegen erhob der Autofahrer Einsprache. Deshalb kam es zum Prozess.

Er habe sich bereits auf der Gegenfahrbahn befunden, als sich ein Motorrad von hinten genähert habe. Dann habe er einen «Chlapf» gehört; der «Töff» sei viel zu schnell gefahren, habe im linken Seitenspiegel eingehängt, erzählte der Autolenker vor Gericht. Der Fahrer des überholten Wagens, der als Zeuge einvernommen wurde, sagte aus, er habe einen «Beschleunigungston», ein «Wrummmm» gehört, «und dann sah ich einen Mann mit Motorbike ins Bahngeleise fliegen». Es habe ihn überrascht, dass es kein Lamborghini gewesen sei.

Der Verteidiger forderte einen Freispruch. Der Motorradfahrer müsse sich am Auto des Überholenden vorbeigedrängelt haben, als er nach vorn geprescht sei, und sei viel zu schnell gefahren. Er verlangte ein verkehrstechnisches Gutachten, das die Staatsanwaltschaft abgelehnt hatte. Die 71-Meter-Strecke, die das Motorrad geschlittert sei, weise auf übersetztes Tempo hin.

Zu diesem Schluss gelangte auch das Gericht. Laut der Abteilung Unfallanalysen des Strassenverkehrsamts St. Gallen müsse der Motorradfahrer deutlich schneller gefahren sein, dass das Fahrzeug auch noch trotz Vollbremsung 71 Meter weit schlittern konnte. Das Gericht habe Zweifel, dass sich der Unfall so ereignet habe, wie der Staatsanwalt mutmasste. Bewiesen worden sei nichts – zumal der Motorradfahrer einen Gedächtnisverlust erlitt, so die Begründung. 1650 Franken Verfahrenskosten gehen zu Lasten der Staatskasse; der Freigesprochene erhält eine Entschädigung von 2391 Franken auf die Staatskasse zugesprochen.

Margrith Widmer

redaktion@appenzellerzeitung.ch