Gemeinsam ins Dorfleben

HERISAU. Das Herisauer Quartierzentrum Selewie hat eine Würdigung der internationalen Bodenseekonferenz erhalten. Der Verein bezieht sozial Benachteiligte in die Aktivitäten des Dorfes ein und bietet einen Ort zum Austausch.

Ruth Frischknecht
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Selewie begann 2010 als Integrations- und Präventionsprojekt in Herisau. Im Quartier Wilen kam es damals zu Problemen wie Vandalismus und Gewalt, auf die die IG Pro Wilen Herisau reagieren wollte. In einer Umfrage der Fachhochschule St. Gallen äusserten die Teilnehmer den Wunsch nach einer Begegnungszone, einem Ort zum Austausch. Stiftungs- und Gemeindegelder ermöglichten den Start des Vereins Selewie. 2014 nominierte der Kanton Selewie für den Nachhaltigkeitspreis der internationalen Bodenseekonferenz. Gewonnen hat Selewie nicht, wohl aber eine Würdigung erhalten. Dort heisst es, Selewie sei ein «pragmatisches Projekt zu einer gesellschaftlich relevanten Problematik». Besonders hervorzuheben sei der Einbezug der Bevölkerung.

Teilnahme am sozialen Leben

«Gewürdigt wurde Selewie, weil es aufzeigt, dass Aufsuchende Soziale Arbeit auch im ländlichen Raum durchaus ein Bedürfnis ist», sagt Sabrina Jaggi, Leiterin des Quartierzentrums. Merkmal der Aufsuchenden Sozialen Arbeit ist, dass sie im öffentlichen Raum stattfindet und keine spezifische Zielgruppe hat. Das bietet einige Vorteile, sagt Sabrina Jaggi: «Durch unsere Arbeit erkennen wir andere Themen oder Probleme als beispielsweise die Sozialen Dienste der Gemeinde. Zu uns kommen oft Leute, die irgendwie durchs Raster fallen.»

Beispielsweise fehlt vielen der Anschluss ans gesellschaftliche Leben in Herisau. Selewie versucht, diese Personen zu integrieren, indem Anlässe wie Kinderfest oder Fasnacht zusammen besucht werden. «Vor dem Kindermaskenball haben wir uns im Quartierzentrum getroffen, geschminkt und verkleidet. So nahmen Leute an der Fasnacht teil, die sich alleine nicht getraut hätten hinzugehen.»

Auf Bedürfnisse reagieren

Das Programm von Selewie wird an die Wünsche der Nutzer angepasst. Dadurch könne man auf Bedürfnisse der Bevölkerung flexibel reagieren, sagt Sabrina Jaggi. Der interkulturelle Frauenabend beispielsweise ist auf Anregung einer Besucherin entstanden, ebenso der Schweizerdeutschkurs. «Eine Mutter ist an mich herangetreten und erzählte mir, dass sie ihr Kind nicht mehr versteht, seit es Wörter wie <anehocke> benutze. Nun bieten wir am Montagabend einen Mundartkurs an.»

Ansprechpartner für fast alles

Das ist noch längst nicht alles: Selewie hilft beim Ausfüllen von Unterlagen, stellt Computer mit Drucker bereit, bietet Kindern Platz zum Toben oder Basteln, stellt Gesellschaftsspiele und Spielzeug zur Verfügung und bietet ganz einfach einen Ort, um sich auszutauschen. Das Lokal kann gratis genutzt werden, etwa für Kindergeburtstage. Auch mit Erziehungs- oder Eheproblemen werden die Sozialpädagogen Sabrina Jaggi und Valentin Meichtry konfrontiert. Dann verweisen sie die Leute an die entsprechende Fachstelle. Selewie ist ganz einfach Ansprechpartner für verschiedene Sorgen und Fragen.

Die Gemeinde Herisau unterstützt Selewie mit Leistungsbeiträgen. Bedingung dafür war, das Quartierzentrum für das ganze Dorf zu öffnen. Das funktioniert: «Die Besucher kommen aus ganz Herisau und längst nicht mehr nur aus den Quartieren Säge und Kreuzweg», sagt Sabrina Jaggi.

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