Gemeinsam einen Brauch pflegen

Rund 20 Landwirte aus Wildhaus mähten diese Woche vier Alpweiden in der Region «Sommerigchopf». Dieser alte Brauch unterliegt bestimmten Regeln, nach denen das Streu untereinander auf die Beteiligten aufgeteilt wird.

Jesko Calderara
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WILDHAUS. Der Brauch, den rund 20 Bauern alljährlich pflegen, kennt ausserhalb Wildhaus kaum jemand: Gleichzeitig mähten sie in den vergangenen Tagen die vier Moore in den Gebieten Splidenmoos, Müselen, Unter- und Oberwies, unweit des Schönenbodensees – jedoch nicht wahllos, sondern nach ganz bestimmten vorgegebenen Regeln und Abläufen.

Brauch aus der Alpwirtschaft

Woher diese Tradition stammt und wie lange es sie bereits gibt, kann der Alpschreiber Jürg Walt nicht genau sagen: «Die letzte Streuordnung stammt aus dem Jahr 1938.» Er vermute, dass der Ursprung dieses Brauchs in der Alpwirtschaft zu suchen sei, da früher die Streue direkt vor Ort verwendet wurde. Laut einem Vertrag mit dem Kanton St. Gallen darf gemäht werden, sobald die Kühe von der Alp runter sind, jedoch nicht vor dem 15. September. 42 Bauern in Wildhaus besitzen insgesamt 220 Streurechte, die im Grundbuch eingetragen sind, erzählt Jürg Walt. Es sei jedoch möglich, diese anderen Landwirten zu verpachten. Einzelne Besitzer wiederum betreiben gar keine Alpwirtschaft mehr, sagt der Alpschreiber. «Insgesamt entspricht dies einer Fläche von 55 bis 60 Hektaren, die so bewirtschaftet wird.» Die Bauern wechseln jährlich zwischen den vier Weiden und schneiden abwechslungsweise ein anderes Moor. Der Wildhauser Andreas Schmid ist seit mehr als 40 Jahren dabei. «Früher bewirtschaftete ich den Hof selber.» Vor einiger Zeit habe jedoch sein Sohn Andreas den Betrieb übernommen. Er unterstütze seinen Nachfolger bei Bedarf, etwa beim Mähen der Alpweiden.

Aufteilung in «Tschöche»

Mitzuhelfen bei der «Oberhager Streue», wie der Brauch im Volksmund heisst, sei heute einfacher, fügt er hinzu. Denn die Zeiten des Handmähens sind längst Geschichte. Der Einsatz landwirtschaftlicher Maschinen erleichtert die Arbeit der Bauern. «Früher ist das Heu auf Wagen, die von Kühen gezogen wurden, zum Hof gebracht worden», erzählt Andreas Schmid. Diesen Aufwand nähme jedoch niemand mehr auf sich. Nachdem die Weiden mit dem Traktor gemäht wurden, rechen Helfer das Gras in je vier Meter lange und breite Abschnitte, die «Tschöche» genannt werden. «Besitzt ein Bauer beispielsweise ein Streurecht, entspricht dies acht Tschöchen», erklärt Jürg Walt. Am Schluss werden die Abschnitte gezählt, das Gras auf die Besitzer aufgeteilt und in jedes Feld wird ein Pfahl mit dem Namen des Besitzers eingesteckt. «Je nach Qualität und Wetterbedingungen benutzen wir das getrocknete Gras als Streue oder, falls möglich, zur Fütterung der Tiere», erläutert Andreas Schmid. Nach der gemeinsamen Arbeit, sei früher die «Oberhager Streue» jeweils mit einem geselligen Teil im Hotel Schönenboden abgeschlossen worden.