Geborgenheit und Liebe zur Heimat

Brosmete

Erich Fässler
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Da stellt meine Frau doch tatsächlich im Obersimmental ihre naiven Bilder aus dem Appenzellerland aus. Die Schlussworte der Begrüssung lauteten: «Geborgenheit und Liebe zur Heimat.»

Weder das Simmental noch Appenzell ist die Heimat meiner Liebsten. Sie ist ein «Seemaitli». Das jedenfalls sagt sie selber und ist stolz darauf, wenn Enkel Marius «ufi» statt «uni» sagt. Die Schweizerkrankheit allerdings kennt auch sie. Hat sie, dann zieht es sie aber nicht an den Zürichsee, sondern nach Appenzell.

1688 veröffentlichte der Elsässer Doktor Johannes Hofer seine «Dissertatio medica de nostalgia oder heimwehe». Darin vertrat er die These, Heimweh sei eine Krankheit, die tödlich verlaufe, aber nur Schweizer befalle.

Eine Jagd nach den Auslösern war losgetreten: Schweizer könnten sich nicht an fremde Sitten gewöhnen. Schweizer könnten keine fremden Speisen geniessen. Schweizer könnten nicht mit weniger Freiheit als zu Hause leben …

1718 schrieb der Arzt Johann Jakob Scheuchzer, dass Schweizer Rekruten, sobald sie den Kuh­reihen anstimmten, von der «ma­ladie du pais» befallen würden, unbändig erkrankten und aus purer innerer Not das Weite suchten, desertierten. Deshalb habe man den Söldnern das Jodeln unter Androhung schärfster Strafen verbieten müssen.

1705 hatte derselbe Arzt den Luftdruck für das Heimweh verantwortlich gemacht. «Wir Schweizer bewohnen den obersten Gipfel von Europa, atmen in uns eine reine, dünne, subtile Luft. Kommen wir in fremde, niedrige Länder, so stehet über uns eine höhere Luft. So verwundere sich niemand, wenn eine holländische oder französische Luft unsere Äderlein so zusammendrücket, dass der Lauf des Geblüts und der Geister gehemmt wird.» Im Obersimmental war es wunderbar, geniales ­Essen, tolle Gespräche und fantastisches Wetter. Ein ganzes Wochenende lang. Aber dann spürte meine Liebste einen hohen Luftdruck, und sie wusste, das war Heimweh. Wir mussten schleunigst zurück ins Appizäll …!

Erich Fässler