GANTERSCHWIL: Zweideutigkeiten über eine Einsiedelei

Noch heute sind im steilen Tobel oberhalb von Oetschwil die Überreste der Grundmauer der Kapelle Bruedertöbeli zu sehen. Es ist der einzige anerkannte Standort. Aber nicht alle sind da gleicher Meinung.

Bruno Facci
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Eine Tafel weist auf die Mauerreste der Einsiedelei hin. Stand die Kapelle einst im Tobel oder in Unter-Oetschwil? (Bilder: PD)

Eine Tafel weist auf die Mauerreste der Einsiedelei hin. Stand die Kapelle einst im Tobel oder in Unter-Oetschwil? (Bilder: PD)

Bruno Facci

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Das «Toggenburger Tagblatt» hatte am 16. Dezember 2016 über das 20-Jahr-Jubiläum der Kapelle Bruedertöbeli in Oetsch­wil-Ganterschwil berichtet. Darin war festgehalten, dass die vor 20 Jahren neu errichtete Kapelle auf den Grundmauern der im Jahre 1865 abgebrochenen Einsiedelei Sedel erbaut worden sei. Gemäss heutigem Wissensstand trifft dies nicht zu. Der bislang anerkannte Standort der Kapelle liegt rund fünfhundert Meter weiter oben im Tobel, wo heute noch Überreste der Grundmauer zu sehen sind.

Erfolgreiche Grabung 1996

Ganz anders sieht das Josef Hobi. Er ist oberhalb des Bruedertöbelis aufgewachsen. Sein Vater war überzeugt, dass die Einsiedelei nicht oben im Tobel stand, sondern unten in Ober-Oetschwil, gleich unterhalb des Waldes, nahe des Strässchens nach Laufen. Diese Überzeugung hat Josef Hobi übernommen. Sie treibt ihn seit Jahrzehnten um, bis zum heutigen Tag. 1996 hat er eine Grabung veranlasst. Dabei kam ein Keller zu Tage. Dessen Mauern bestanden aus Bruchsteinen und wiederverwendeten Bauteilen. Letztere könnten von der 1865 abgebrochenen Kapelle stammen. Das bestärkte Hobi darin, auf die Grundmauern der ehemaligen Kapelle mit Bruderhaus gestossen zu sein. Der «Alttoggenburger» berichtete über die Funde ausführlich und bebildert am 24. und 26. Juni 1996. Im Gedenken an diese Kapelle liess Josef Hobi die eingangs erwähnte Kapelle errichten. Nicht einverstanden mit Josef Hobis Erkenntnis waren die Historiker. Sein Fund zog weitere Forschungen nach sich. Deren Ergebnisse haben die beiden Historiker Bernhard Anderes und Peter Schindler in den Toggenburger Annalen von 1998 aufgearbeitet. Darin legten sie dar, dass der von Josef Hobi in Ober-Oetschwil ausgegrabene Keller im letzten Drittel des 19. oder in den ersten drei Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts erbaut worden sei. Der Standort der einstigen Einsiedelei sei oben im Tobel gewesen. Aufgrund der vorhandenen Dokumente und Mauerreste gelte dies als gesichert. Die beiden Wissenschafter zollten Josef Hobi dennoch Respekt, weil er durch seine Aktivitäten weitere Forschungsaktivitäten ausgelöst hatte. Sie drückten dies am Schluss ihres Berichtes aus mit dem kurzen Satz: Josef Hobi sei’s gedankt.

Auf Anfrage führte Peter Schindler – heute Leiter der Kantonsarchäologie des Kantons St. Gallen – aus, dass die 1998 veröffentlichten Befunde nach wie vor gültig seien. Es sei zwar möglich, dass für den «Hobi-Keller» Überreste der alten Kapelle im Sedel verwendet wurden. Damit habe Josef Hobi zumindest teilweise recht, wenn er behaupte, seine neue Kapelle stünde auf der Grundmauer der alten, weil einige Bruchstücke darin eingebaut sein könnten. Ganz unrecht habe er hingegen bezüglich Standort der alten, abgebrochenen Kapelle. Daran gebe es nichts zu deuteln.

Augenblicke der Rast und Einkehr

Die neue Bruedertöbeli-Kapelle steht schon zwanzig Jahre. Josef Hobi hegt und pflegt diese mit Inbrunst. Sie erfreut mit ihrem Anblick und dem regelmässigen Geläut des Glöckchens die Wandernden. Einigen bietet sie auch Augenblicke der Rast und Einkehr. Andere lässt sie kalt. So kalt wie die weiter oben im Sedel verbliebenen kümmerlichen Mauerreste der Einsiedelei.