Gallus zum Letzten

Das Berliner Theater Konstellationen unter der Leitung des St. Galler Regisseurs Jonas Knecht zeigt an mehreren Orten, darunter im Chössi-Theater in Lichtensteig, das Stück «Gallus_1400». Das Projekt ist ein Auftragswerk des Gallusjubiläums.

Brigitte Schmid-Gugler
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LICHTENSTEIG. Fürwahr ein idyllischer Ort. Grüne Wiesen, sanfte Hügel, das weiche Schlängeln der Thur, ab und zu ein Zug, der anhält, Passagiere ein- und auslädt und der eigene tagträumende Blick durch die Fenster des Bahnhöflis zu Lichtensteig, der nach Gallus Ausschau hält. Könnte ja sein, dass er eben ausgestiegen ist. Könnte ja sein, dass er endlich kommt. Leibhaftig wie der Teufel. Oder das Vreneli aus dem Glarnerland, oder dann wenigstens ein Waldschrättli.

Jonas Knecht, dem St. Galler Zauberlehrling aus der Regie- und Schauspielküche der Hochschule Ernst Busch in Berlin, ist vieles zuzutrauen. Mit seinem Theater Konstellationen, 1999 als Produktionsform für freie Projekte gegründet, hat er unter vielen anderen Stücken die beiden Romane von Tim Krohn «Quatemberkinder» und «Vrenelis Gärtli» dramatisiert und – auch in St. Gallen – erfolgreich auf die Bühne gebracht. Kein Wunder und kein fauler Zauber dahinter also, dass man ihn und seine Truppe bei der Ausschreibung berücksichtigt hat. Unter den zahlreichen Veranstaltungen zum Gallusjahr ist «Gallus_1400» nun das Theater zum Heiligen und wird mit seinem widerborstigen Zugang vielleicht gerade noch vor Abschluss der Veranstaltungsreihe und einer spürbaren Gallus-Übersättigung noch zu einem der Höhepunkte.

Strapaziertes Budget

Weil das Projekt eines vom Gallusjubiläum getragenes ist – es wurden dafür 70 000 Franken zur Verfügung gestellt – darf das Theater Konstellationen im mittlerweile leerstehenden, weil nicht mehr vom Personal benützten Bahnhofsgebäude von Lichtensteig proben und einen Stock höher in den dafür eingerichteten früheren Büros gleich noch wohnen. Seit vergangenen Frühling trug die Truppe Material zusammen; die letzten drei Wochen vor der Premiere ist Probezeit. Das ist wenig, doch angesichts des schlanken Budgets unumgänglich. Zu dem vom Gallusjubiläum gesprochenen fixen Unterstützungsbeitrag – man habe sich ein «Projekt mit überregionaler Strahlkraft» gewünscht, sagt Jonas Knecht – rechnete das Theater Konstellationen auf weitere Beiträge von Stiftungen und Banken. Doch sämtliche Anfragen fielen abschlägig aus, die öffentliche Hand wollte und konnte weder für die fehlende Summe noch für die Mietkosten des Aufführungsraumes in der Lokremise, welche das Theater St. Gallen den freien Gruppen für die Benützung abknöpft, aufkommen. Folglich wurde das ursprüngliche Konzept gestrafft und die Probenwochen gekürzt.

Nun, kurz vor der Premiere, sieht es in dem grossen hellen Raum im Erdgeschoss des ländlichen Bahnhofsgebäudes nach kreativer Unordnung aus – Requisiten, Tische, Schaltpulte, Lichtquellen, Lautsprecher. Geprobt werden die Szenen «Pater Noster», Männerchörli» und «Türballett». Vier verglaste Kabinen – es könnten auch Mönchszellen oder Sendestudios sein – sind die Hauptbestandteile der Bühne.

Live und leicht

Anders als in allen bisherigen religiösen und wissenschaftlichen Ansätzen entwickelte das Team um den Regisseur Jonas Knecht und den Dramaturgen Markus Joss eine subjektive Form einer Spurensuche.

Lust- und humorvoll, spielerisch kreisen die vier Figuren um den Heiligen, den es – man hat es kommen sehen – vielleicht gar nie gab. In einem Setting von acht Nummern wuseln die vier «Spezialisten» durch den Raum, ausgefranste Sätze da, ein Liedlein à la Marthaler dort. In den Kabinen gehen sie eigenbrötlerisch ihren Verrichtungen nach – eine Frau (die Musikerin und Schauspielerin Ulrike Barchet) hängt als Koordinatorin des Gallusjubiläums in ihrer Kabine am Telefon; einer in Mönchskapuze (Matthias Flückiger) zitiert in ausgefranstem Staccato Textfragmente des Pfarrers und Volksschriftstellers Thomas Bornhauser, während der Musiker Mathias Weibel als buddhistischer Mönch und Zeremonienmeister gälisch lernt und für Ruhe und Ordnung sorgt und der Kontrabassist Simon Bauer als Tonjäger experimentelle Loops produziert.

Ein szenisches Konzert könnte man das Stück nennen, es wird viel gesungen und gespielt und angenehm wenig gequatscht. Das Theater Konstellationen nennt die Produktion «eine akustische Live-Exkursion zum Gallusjubiläum». Auch gut ohne Gallus.

Die Aufführung des Stücks «Gallus_1400» im Chössi-Theater findet am kommenden Samstag, 29. September, um 20.15 Uhr statt.