GAIS: Der reisende Holländer

Dem Chor Gais steht mit Robbert van Steijn seit einiger Zeit ein neuer Dirigent vor. Der gebürtige Holländer und Nachfolger von Michael Schläpfer hat sich schon bestens eingelebt.

Martin Hüsler
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Robbert van Steijn will mit dem Chor Gais hohe Ziele anstreben. (Bild: hü)

Robbert van Steijn will mit dem Chor Gais hohe Ziele anstreben. (Bild: hü)

Martin Hüsler

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Am Dienstagabend Gais, am Mittwochabend Wil SG, am Donnerstagabend Hägendorf SO: Robbert van Steijn ist Woche für Woche ziemlich intensiv auf Achse, um Chöre voranzubrin- gen – ein Reisender in Sachen Chorgesang sozusagen. Die Fahrten zu den Proben mit dem Chor Gais, mit dem Männerchor Concordia Wil und mit dem Männerchor Liederkranz Hägendorf unternimmt er von Jestetten aus, dem deutschen Grenzdorf unweit von Schaffhausen. Dort wohnt der 53-jährige van Steijn zusammen mit seiner Gattin, einer Schweizer Sängerin. «Das häufige Unterwegssein macht mir überhaupt nichts aus», zerstreut er Bedenken, die Distanzen vom Wohnort zu den Probenorten könnten zur Last werden.

Fundierte Ausbildung genossen

Man ist fast ein bisschen verblüfft, dass ein Mann mit einer solchen musikalischen Biografie Schweizer Laienchöre in seiner Obhut hat. Robbert van Steijn bekam einiges an einschlägigen Genen mit auf den Weg: Der Grossvater war Organist, der Vater Pianist und Schlagzeuger. Er selber studierte Klavier am Utrechter Konservatorium mit einem 1990 erfolgten Masterabschluss in Music Performance. Über die Teilnahme an Meisterklassen führte ihn sein Weg zunächst ans Anhaltische Theater in Dessau, wo er als Solorepetitor tätig war. In der Folge kehrte er in die Niederlande zurück und beendete sein Studium 1997 am Sweelinck Conservatorium Amsterdam.

Es würde ins Uferlose führen, zählte man die Stationen seiner weiteren Laufbahn auf. Nur ein paar Wegmarken seien erwähnt: Chefdirigent bei der Hoofstad Operetta in Amsterdam und in gleicher Funktion bei der Joop van den Ende Theater Productions sowie Arbeit mit diversen weiteren Orchestern und Ensembles in den Niederlanden. Assistenzen bei Günther Wand, dem grossen Bruckner-Dirigenten, in Hamburg und bei Thomas Hengelbrock anlässlich der Bayreuther Festspiele, wo ihm die Studienleitung für «Tannhäuser» oblag. Ab der Spielzeit 2012/13 findet man Robbert van Steijn für vier Jahre im sächsischen Halle, als Kapellmeister von Oper und Staatskapelle. Gross ist die Zahl der Opern, Operetten, Musicals und Sinfoniekonzerte, bei denen er während all seiner Engagements am Pult stand.

Gegenseitig ins Herz geschlossen

Und nun ist also der Chor Gais einer der Wirkungskreise Robbert van Steijns. «Nach den Jahren mit festen Verpflichtungen wollte ich wieder freischaffend tätig sein. So werde ich weiterhin, wenn auch auf veränderter Basis, in die Erarbeitung von Operproduktionen eingebunden sein. Mit der Wohnsitznahme in Jestetten wurde es mir aber auch möglich, Chöre in der Schweiz zu übernehmen. So kam der Kontakt zum Chor Gais zustande», skizziert van Steijn den Weg ins Appenzellerland. Probedirigate fielen zur beiderseitigen Zufriedenheit aus. Beim Abschiedskonzert von Michael Schläpfer im letzten März fand eine Art Stabübergabe statt. Und ausgesprochen gerne erinnert sich Robbert van Steijn an die Hauptversammlung 2017, an der «wir uns gegenseitig ins Herz geschlossen haben».

Angetroffen hat der Holländer in Gais einen Chor auf hervorragendem Niveau. Er zollt seinem Vorgänger denn auch viel Lob für das, was er in all den Jahren aufgegleist hat. Wie ist das mit dem Gefälle zwischen einem professionellen Chor und einem Laienensemble? «Im Grunde genommen unterscheidet sich eine Probe in Gais nicht wesentlich von einer Probe in Halle, wo ich zuletzt tätig war. Natürlich darf man bei Profis einiges mehr an Stimmtechnik voraussetzen. Aber die wichtigste Basis ist grundsätzlich die Freude am Singen. Und diese ist beim Chor Gais gegeben», erklärt Robbert van Steijn.

Nachdem der Chor mit seinem neuen Dirigenten bereits einige Auftritte bestritten hat, rückt nun ein A-cappella-Konzert im Juni 2018 allmählich in den Fokus. Madrigale, Motetten und Glanzlichter aus Operetten werden auf dem Programm stehen. Bei unserem Probenbesuch im Mehrzweckgebäude Weier feilte Robbert van Steijn mit den Sängerinnen und Sängern an Bruckners ergreifender Motette «Locus iste» und am Chor «Oh, habet Acht» aus Johann Strauss’ «Zigeunerbaron». Für einen späteren Zeitpunkt fasst er Konzerte mit Orchesterbegleitung sowie die Teilnahme an Gesangsfesten ins Auge.

Und natürlich hat er auch Bekanntschaft gemacht mit dem Zauren. «Diese meditative Ausdrucksweise fasziniert mich sehr», bekennt er.