«Gaden» begeistert Fachleute

Für Fachkundige ist die Remise an der Holderenstrasse 11 in Rehetobel «eine Trouvaille». Sie dokumentiere die frühere Bedeutung des Textilgewerbes in der Gemeinde und damit in der ländlichen Ostschweiz. Die Abbruchpläne sind indessen noch nicht vom Tisch.

Ueli Abt
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«Eigenwilliger Zeitzeuge»: Der Gaden in Rehetobel gehört aus Sicht von Fachleuten auf den Architekturpfad Textilbauten. (Bild: ua)

«Eigenwilliger Zeitzeuge»: Der Gaden in Rehetobel gehört aus Sicht von Fachleuten auf den Architekturpfad Textilbauten. (Bild: ua)

REHETOBEL. Die Ostschweiz kennt man als Region, welche durch die Textilindustrie geprägt wurde. Erstaunlicherweise hat der Tourismus beispielsweise im Appenzellerland eben erst begonnen, die facettenreiche Industriegeschichte für sich zu entdecken: Diesen Sommer erhielt Trogen mit dem «Jahrhundert der Zellweger» eine erste Ausstellung zum Thema.

Ein zweites Angebot ist inzwischen in Vorbereitung: Per Ende Jahr startet der «Architekturpfad Textilbauten». Touristen werden in der Ostschweiz an geschichtlich und architektonisch wertvollen Gebäuden via QR-Code und Smartphone Infos über die textile Vergangenheit von Haus und Region abrufen können.

Laufend vergrössert

Der Pfad startet mit einer Auswahl an vorerst 13 Gebäuden, darunter befinden sich etwa die Textilbörse und die Häuser Oceanic und Wilson in St. Gallen, aber auch das Meierhaus in Wald-Schönengrund, das Schläpferhaus in Waldstatt oder das schwarze Haus in Herisau.

Geplant ist, dass laufend neue Objekte dazu kommen. Laut dem St. Galler Architekten Martin Schregenberger, der mit anderen den Pfad ausarbeitet, kommen immer wieder Vorschläge aus architekturgeschichtlich interessierten Kreisen.

So ging unter anderem auch ein Hinweis bei Textilland Ostschweiz ein, dass es sich beim so genannten «Gaden» in Rehetobel um ein interessantes Objekt für den Architekturpfad handeln könnte. Architekt Riccardo Klaiber, Vorstandsmitglied von Textilland Ostschweiz und mit dem Finden von geeigneten Objekten beauftragt, sagt: «Nebst den offensichtlichen Bauten wie jenen in der Stadt St. Gallen wollen wir auch Trouvaillen aufnehmen.» Auf seine Anfrage hin begann sein Fachkollege Schregenberger, in Sachen «Gaden» zu recherchieren – und war begeistert.

«Es ist das Unerwartetste und Erfreulichste, was uns bisher über den Weg gelaufen ist», schwärmt Schregenberger. Am Gebäude faszinieren den historisch interessierten Architekten zunächst seine ehemalige Funktion, wie er in einer Stellungnahme zuhanden des Vorstandes von Textilland Ostschweiz darlegt: Einerseits wurden in der Remise Rohmaterial an die Weber und Sticker ausgegeben, die fertigen Produkte entgegengenommen, geprüft und nachgebessert. Andererseits wurde ein Teil des Gebäudes als Stall genutzt. «Dies zeigt sehr eindrücklich, wie eng in Ausserrhoden die Textilienherstellung seit Jahrhunderten mit der Landwirtschaft verbunden war. Fast alle Weber, Sticker und ihre Familien waren auch Bauern», so Schregenberger. Der Architekt findet aber auch die äussere Gestaltung des Gebäudes bemerkenswert: Er ordnet die Bauweise dem so genannten «Schweizerhaus-Stil» zu. Dabei handelt es sich kurioserweise um einen Import des in England entstandenen «Swiss Chalet Style», der wiederum im Zusammenhang mit der Alpenbegeisterung der Engländer im 19. Jahrhundert steht. «Es ist nicht erstaunlich, dass in Rehetobel gerade ein Gebäude, das im Dienste des Welthandels stand, in diesem internationalen Stil gebaut wurde», schreibt Schregenberger. Unter der «internationalen Schminke» erkenne man aber dabei immer noch sein «Appenzeller Gesicht». Somit passe das Gebäude mit seiner Originalität und Eigenwilligkeit bestens ins Appenzellerland. Schregenberger bilanziert: Im Interesse von Vielfalt, Kontrast und Lokalkolorit gehöre das Haus «Gaden» auf den Architekturpfad Textilbauten. «Sein Fehlen würde eine Lücke in der Geschichte der Ostschweizer Textilindustrie hinterlassen.»

Abbruchpläne

Dass es sich beim «Gaden» um ein spannendes und geschichtsträchtiges Gebäude handelt, darüber herrscht kein einhelliger Konsens. Eine private Bauherrschaft möchte das Haus zugunsten eines Neubaus abbrechen (die Appenzeller Zeitung berichtete). Dagegen regte sich Widerstand. Das geplante Neubauprojekt kam zu Fall – das Abbruchvorhaben ist aber nicht vom Tisch.

Vertreter der Rehetobler Kulturkommission beantragten im Frühling beim Rehetobler Gemeinderat unter anderem, die Unterschutzstellung des Gebäudes sei in die Wege zu leiten. Am 15. Mai beschloss der Gemeinderat, auf das Gesuch nicht einzutreten. Dies teilte er den Mitgliedern der Kulturkommission in einem Schreiben vom 18. Juni mit, welches der Appenzeller Zeitung vorliegt. Gemeindepräsident Ueli Graf wollte sich auf Anfrage zum Thema nicht äussern.