Fussballerisch weiterbilden

Ich kann mich nicht für Fussball begeistern. Zumindest nicht, wenn Männer spielen. Richtig gelesen: Ich schaue lieber Frauenfussball. Nicht etwa, weil ich selber spiele, sondern weil ich den Frauenfussball als fliessender und eleganter empfinde.

Stephanie Sonderegger
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Bild: Stephanie Sonderegger

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Ich kann mich nicht für Fussball begeistern. Zumindest nicht, wenn Männer spielen. Richtig gelesen: Ich schaue lieber Frauenfussball. Nicht etwa, weil ich selber spiele, sondern weil ich den Frauenfussball als fliessender und eleganter empfinde. Eine Meinung, mit der ich meistens alleine dastehe. Augenrollende Kollegen bin ich inzwischen gewohnt, ebenso ihre dummen Sprüche von wegen «langsam» und «langweilig». Um diesen in Zukunft etwas entgegnen zu können, habe ich beschlossen, mich fussballerisch weiterzubilden. Das bedeutet: Ich schaue mir zurzeit alle Spiele der Schweizer Nationalmannschaft der Männer an.

Mit grosser Vorliebe mache ich das zu Hause bei meinen Eltern. Dort steht ein grosser Fernseher und zu meiner Seite sitzt mein Vater. Als ehemaliger freischaffender Sportredaktor kennt er sich nach wie vor in jeglichen Sportarten aus. «Beste Voraussetzungen», denk ich mir, als er den Fernseher einschaltet und ich die Nationalspieler einlaufen sehe. «Wer ist die Nummer 9?», frage ich. «Das ist Seferovic», antwortet er. «Und die 2?» – «Lichtsteiner.» – «Und wo spielt er?» – «Bei Juventus.»

«Und wer spielt in Wolfsburg?», führe ich meine Fragerunde während der zweiten Halbzeit weiter. Mein Vater schweigt. Gebannt blickt er auf den Fernsehbildschirm, als Shaqiri – den ich als einzigen bereits kannte – einmal mehr versucht, aufs Tor zu schiessen. Vergebens. Mein Vater flucht. Ich verdrehe nur die Augen und gähne. Eine Antwort auf meine Frage bekomme ich nicht. Erst als das Spiel zu Ende und damit für die Schweiz endgültig verloren ist, brummt er: «Zwei der Rodriguez-Brüder, Klose und Benaglio spielen bei Wolfsburg.» Dann schaltet er den Fernseher ab und verschwindet im Flur.

Ob seine schlechte Laune meinen vielen Fragen oder dem verlorenen Spiel zu verdanken war, bleibt für mich unklar. Ich jedenfalls habe mir wenige Tage später eine Karte für das Spiel der Nationalmannschaft gegen San Marino gekauft. Bis dahin habe ich genügend Zeit, meinen Fragenkatalog auszubauen. Diesmal können mir meine Redaktionskollegen Auskunft geben. Mein Vater hingegen braucht erstmal Ferien.