Für immer jung dank den Aprikösli

SPEERSPITZ Eins, zwei, drei, vier, fünf. Zählen gelernt habe ich am Küchentisch meiner Grossmutter Elisabeth.

Anina Rütsche
Drucken
Teilen
Kopfsalat - Anina Rütsche (Bild: Anina Rütsche)

Kopfsalat - Anina Rütsche (Bild: Anina Rütsche)

SPEERSPITZ

Eins, zwei, drei, vier, fünf. Zählen gelernt habe ich am Küchentisch meiner Grossmutter Elisabeth. «Jeden Tag darfst du so viele getrocknete Aprikösli nehmen, wie du alt bist», pflegte sie nämlich zu sagen, wenn ich als Kind meine Ferien bei ihr verbrachte. Mit strengem Blick achtete Elisabeth darauf, dass ich nicht zu viele Dörrfrüchtchen aus dem Glas nahm. Und ich wiederum sorgte dafür, dass es auf keinen Fall zu wenige waren, denn ich liebte die Aprikösli über alles.

Viel Zeit ist seither vergangen. Nach wie vor esse ich gerne getrocknete Aprikösli. Und nach wie vor besuche ich meine Grossmutter regelmässig. Sie ist 89 Jahre alt und wohnt noch am gleichen Ort wie damals. Dieselben geblümten Polstermöbel, dieselbe Küche mit Holzimitat, und ja, es gibt auch das Aprikösliglas noch. Ich gehe aber davon aus, dass es im vergangenen Vierteljahrhundert aufgrund des intensiven Gebrauchs mehrmals ersetzt werden musste.

Manchmal gehe ich mit Elisabeth einkaufen. Ich begleite sie zum Laden, dann suchen wir beide unsere Sachen gemäss Poschtizettel zusammen und treffen uns hinter den Kassen wieder. Anschliessend ziehe ich Grossmutters prall gefülltes Wägeli zurück zur Wohnung. Fast jedes Mal befindet sich im Wägeli eine Packung Aprikösli, denn – wen wundert's – Elisabeth mag diese auch. Daheim angekommen, verstauen wir die Einkäufe im Kühlschrank, im Chuchichäschtli und im Stubenbuffet. Nur die Aprikösli bleiben auf dem Tisch liegen, denn es gibt in unserer Familie gewisse Dinge, die ändern sich nie.

Nun ja, ein bisschen ändern sich die Dinge eben doch. Ich öffne die Packung und lege los. Eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs, sieben, acht, neun, zehn, elf und zwölf. Dann muss ich mich geschlagen geben, sonst wird mir schlecht. Auch wenn ich in wenigen Tagen dreissig werde – apriköslimässig betrachtet muss ich mir keine Sorgen machen, denn ich bleibe für immer jung.

@toggenburgmedien.ch

Aktuelle Nachrichten