FÜR DEN WILDTIERSCHUTZ
WWF Appenzell hat Einsprache gegen den geplanten Wanderweg im Rotbachtal erhoben

Ein zusätzlicher Wanderwegabschnitt im Rotbachtobel würde einen intakten Wildtierkorridor und den Lebensraum für Schwarzstörche zerstören. Gegen das Gesuch zur Erweiterung des Fuss- und Wanderwegnetzes im Gebiet Strahlholz, Bezirk Schlatt-Haslen, hat der WWF Appenzell darum nun Einsprache erhoben.

Margrith Widmer
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Das Rotbachtal ist für seine malerische Natur bekannt.

Das Rotbachtal ist für seine malerische Natur bekannt.

Bild: Archiv

Bisher musste, wer ins Rotbachtobel hinuntersteigen wollte, die wenigen Trampelpfade kennen, die zum Bach führen. «Obwohl östlich des Rotbachs Verkehrsachsen mit Strasse und Bahn verlaufen, blieb das Rotbachtobel zwischen Mühlpass und Bühler bis heute wegen seiner eingeschränkten Zugänglichkeit als naturnaher Tobelabschnitt und weitgehend ungestörter Lebensraum für Wildtiere erhalten», stellt WWF-Co-Präsident Peter Ettlinger aus Stein fest. Der WWF Appenzell hat gegen den geplanten Wanderweg Einsprache eingelegt.

Die Interessengemeinschaft «Weg am Rotbach» will im Rotbachtal eine bisher fehlende Wanderwegwegverbindung zwischen Gais und Bühler erstellen. Von der «Hägni» soll auf Innerrhoder Seite weiter abwärts durch das zum Teil felsige Bachtobel bis zum Dorfeingang von Bühler auf einer Länge von 900 Metern ein neuer Wanderweg erstellt werden. Vor allem die imposanten Wasserfälle sollen den Wandernden ein «Wandererlebnis mit Schlucht-Charakter» bieten. Um einen Seitenbach zu überqueren, müsste ein Holzsteg gebaut werden. Die Strecke soll für Biker verboten werden.

Wildtierkorridor von überregionaler Bedeutung

Es sei zu erwarten, dass der neue Weg im Strahlholz dem Bach entlang häufig und gern benutzt würde, schreibt der WWF in seiner Einsprache. Für Wildtiere hingegen dürften die zu erwartenden Störungen in diesem bisher ruhigen Gebiet einschneidende Folgen haben. Denn: Dort verläuft ein Wildtierkorridor von überregionaler Bedeutung. Zudem halten sich seit einigen Jahren in der Umgebung des Rotbachs seltene Schwarzstörche auf.

Wildtierkorridore sind Routen, die frei lebende Wildtiere regelmässig benützen, wenn sie beim Wechsel von einem Lebensraum zum andern und auf ihren Wanderungen ein Hindernis zu überqueren haben. Hindernisse sind oft Durchgangsstrassen und Bahnlinien. In der Schweiz gibt es laut dem Bundesamt für Umwelt 304 Wildtierkorridore von überregionaler Bedeutung. Ein Sechstel davon ist bereits weitgehend unterbrochen. Die Tiere benützen ihn nicht mehr. Über die Hälfte sind in ihrer Funktion stark beeinträchtigt. Laut WWF verbleiben weniger als ein Drittel der Korridore, die noch intakt sind – also unter hundert.

Warteräume für Reh und Hirsch

Einer dieser überregionalen Korridore ist jener im Strahlholz. Rehe und Hirsche benutzen ihn. Kantonsstrasse und Bahnlinie an der Ostflanke der Rotbachschlucht weisen ein hohes Verkehrsaufkommen auf. Daher sind für Wildtiere Warteräume beidseits der Verkehrswege von massgeblicher Bedeutung, wie der WWF festhält. Dort können sie auch am Tag einen günstigen Zeitpunkt zur Überquerung der Verkehrsachsen abwarten.

Laut Fachleuten – so der WWF – befinden sich solche Warteräume auf der Innerrhoder Seite westlich des Rotbachs vorwiegend in der Waldfläche zwischen Strahlholz, Hägni und Brunneren. Auf der Ausserrhoder Seite liegen ungestörte Aufenthaltsorte in der Waldzunge oberhalb von Strasse und Bahn im Gebiet Biserslöchli-Langhaus-Blatten. Nur wegen dieser ungestörten Warteräume gilt der Wildtierkorridor im Strahlholz noch als intakt.

Störungen mit fatalen Folgen

Sollte es jedoch zur Erstellung des neuen Wanderwegabschnitts kommen, würden «jederzeit, unverhofft, kleinere oder grössere Scharen wandernden Publikums mitten in den Warteraum gelangen, womöglich sogar zum längeren Verweilen am Ufer». Für die Tiere würde die Situation unberechenbar. Sie verlören den für sie unerlässlichen Warteraum. «Der vorgesehene Wanderweg dürfte Störungen mit fatalen Folgen verursachen», stellt der WWF fest: «Die Funktion des Wildkorridors würde in Frage gestellt.»

Die Einsprecher verweisen auch auf die Richtpläne beider Appenzeller Kantone, in denen es heisst, zur Früherkennung und Vermeidung von Konflikten sollten regional und überregional bedeutende Wildtierkorridore in die kantonalen Richtpläne aufgenommen werden – so im Bericht zu den Nachführungen 2009 für Innerrhoden. In den Ausserrhoder Nachführungen heisst es: «Intakte Korridore sollen erhalten bleiben.» Und: Beeinträchtigungen könnten nur bewilligt werden, wenn der Eingriff «standortgebunden» ist und «einem überwiegenden Bedürfnis» entspricht – und «kantonsgrenzenüberschreitende Wildtierkorridore bedürfen einer überkantonalen Absprache und Abstimmung». Ausserdem heisst es, der Korridor Strahlholz sei intakt und der bestehende Zustand zu schützen.

Der Schwarzstorch – ein scheuer Einzelgänger

Der Schwarzstorch lässt sich nur sehr selten blicken.

Der Schwarzstorch lässt sich nur sehr selten blicken.

Bild: Archiv

Die Vogelwarte Sempach beobachtet seit einigen Jahren im Gebiet zwischen Gais und Teufen vermehrt Schwarzstörche als regelmässige, spärliche Durchzügler. Im Gegensatz zum Weissstorch ist der Schwarzstorch ein scheuer Einzelgänger. Er ernährt sich vorwiegend von kleinen Tieren, die im und am Wasser leben, und bevorzugt als Lebensraum ältere, ungestörte, strukturierte Wälder mit Fliessgewässern und Tümpeln. Mehrere Personen in der Göbsi, Schlatt-Haslen, in Gais, Bühler und Oberzwislen haben laut WWF schon Schwarzstörche beobachtet.

Schwarzstörche reagieren empfindlich auf Störungen. Mit dem Bau des neuen Wanderwegs durch das bisher kaum begangene Tobel verlöre der Schwarzstorch sein ungestörtes Rückzugsgebiet und würde wieder verschwinden. Laut Natur- und Heimatschutzgesetz sei einem solchen Verlust durch die Erhaltung des Lebensraums entgegenzuwirken, schreibt der WWF.

Genügend Wanderwege vorhanden

Die Blockade des Wildkorridors und der Verlust des Rückzugsgebiets für den Schwarzstorch widersprechen laut WWF der Richtplanung. Dem Wanderweg fehle die Standortgebundenheit – «er könnte auch ausserhalb des Warteraums verlaufen». Zudem lehnte das Innerrhoder Kantonsgericht 1997 die Erstellung eines Wanderwegs wegen nicht gegebener Standortgebundenheit ab – im Interesse der Erhaltung eines Lebensraums. Ausserdem bestehen laut WWF «im Appenzellerland schon hinreichend viele Wanderwege: Deshalb sollten die letzten noch ungestörten Tobelabschnitte von Goldach, Rotbach, Sitter oder Urnäsch nicht auch noch dem Tourismus geöffnet werden».