«Für ältere Menschen eine Zumutung»: Schulgemeinde Appenzell führt keine Altpapiersammeltouren mehr durch

Weil die Schulgemeinde seit diesem Jahr keine Sammeltouren mehr durchführt, muss im Bezirk Appenzell das Altpapier im Ökohof entsorgt werden. Gerade für ältere Menschen kann dies zur Herausforderung werden.

Claudio Weder
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Die Entsorgung von Altpapier ist für viele ältere Menschen ein Kraftakt. (Bild: KEYSTONE/Gaetan Bally)

Die Entsorgung von Altpapier ist für viele ältere Menschen ein Kraftakt. (Bild: KEYSTONE/Gaetan Bally)

Wer im Bezirk Appenzell seine Altpapierstapel loswerden wollte, der konnte diese bis anhin an bestimmten Tagen an die Strasse stellen. Seit diesem Jahr werden von der Schulgemeinde Appenzell jedoch keine Sammeltouren mehr durchgeführt. Dies sorgt vor allem bei der älteren Bevölkerung für Unverständnis. So schrieb kürzlich ein Einwohner aus Appenzell in einem Leserbrief:

«Das Entsorgungsangebot der öffentlichen Hand muss für alle zumutbar sein. In Appenzell ist dies nicht mehr der Fall.»

Auf die Frage, warum die Altpapiersammlung durch die Schule abgeschafft wurde, sagt Albert Kölbener, Leiter der Fachstelle für Umweltschutz AI:

«Die Schulgemeinde Appenzell hat sich aus Sicherheitsgründen dazu entschieden, auf diese Sammlung zu verzichten.»

Er will aber anmerken, dass die anderen Schulgemeinden nach wie vor Sammlungen durchführen – in Gonten finden diese vier Mal, in Steinegg und Meistersrüte drei Mal und in den übrigen Schulgemeinden zwei Mal pro Jahr statt.

Im Bezirk Appenzell muss das Altpapier nun im Ökohof entsorgt werden – der am Montagnachmittag, Mittwochnachmittag und Samstagvormittag geöffnet hat. «Für ältere Leute, die kein Auto haben, ist dies zu einem unzumutbaren Kraftakt geworden», so der Leserbriefautor. Ihn würde es deshalb nicht erstaunen, wenn Papierabfälle deswegen in Zukunft immer häufiger im Müllsack landen würden.

Wenig Reklamationen eingegangen

Das Amt für Umwelt sieht allerdings keinen Handlungsbedarf. «Bezüglich der Papiersammlung gab es bislang nur sehr wenige Reklamationen», sagt Kölbener. Das Konzept Ökohof sehe vor, dass Versorgung und Entsorgung miteinander verbunden werden sollten. «Die Leute gehen in der Regel samstags per Auto einkaufen und können dabei gleich allen Abfall im Ökohof entsorgen. Die meisten älteren Personen, welche nicht mehr mobil sind, werden zum Beispiel durch Angehörige versorgt – in der Regel übernehmen diese auch die Abfälle.»

Albert Kölbener, Leiter der Fachstelle für Umweltschutz AI. (Bild: PD)

Albert Kölbener, Leiter der Fachstelle für Umweltschutz AI. (Bild: PD)

Dass durch das Fehlen von Sammeltouren mehr Papier im Abfall landet, kann Kölbener nicht bestätigen. «Es zeigt sich – wie zum Beispiel auch bei den Glasfraktionen, welche früher in dezentralen Sammelstellen gesammelt wurden –, dass sich die Mengen eins zu eins in den Ökohof verschieben. Die rund 100 Tonnen Papier und Karton, welche die Schulgemeinde Appenzell früher im Schnitt gesammelt hatte, sind nun im Ökohof gelandet. Wir verzeichneten im Jahr 2019 einen Anstieg in gerade etwa dieser Grössenordnung.»

Weiter betont Kölbener, dass eine zweiwöchentliche Papiersammlung, wie es etwa der Leserbriefautor vorschlägt, mit Kosten von bis zu 120000 Franken verbunden wäre.

«Da im Abfallwesen das Verursacherprinzip gilt, müsste die Kehrichtgrundgebühr um rund 20 Franken angehoben werden.»

In Anbetracht des kleinen zusätzlichen Nutzens lasse sich diese Mehrbelastung nicht verantworten, so Kölbener.

Ebenso machte der Leserbriefautor den Vorschlag, das Papiersammeln in Zukunft den Asylbewerbern als Aufgabe zu verantworten. Dazu sagt Kölbener: «Das Problem liegt darin, dass keine Asylbewerber mehr nach Appenzell kommen. Wir haben die Leute bereits im Betrieb des Ökohofes stark im Einsatz. Wir haben Mühe, dort die benötigten Arbeitskräfte noch zu erhalten, und mussten daher die Stellenpensen der Festangestellten erhöhen.» Für eine Papiersammlung durch die Asylbewerber fehle es an Arbeitskräften. Und: «Das Problem der Sicherheit ist dabei auch nicht gelöst.»

Gemeinsam nach Lösungen suchen

Und was sagt die Pro Senectute? «Dass Sammlungen gar nicht mehr oder nur noch sporadisch durchgeführt werden, ist eine Tatsache in vielen Gemeinden. Für einzelne nicht-mobile ältere Menschen kann dies eine Herausforderung sein. Manche lösen die Situation mit Unterstützung der Familie oder aus der Nachbarschaft, für wenige kann dies jedoch auch zum Problem werden», sagt Edi Ritter, Geschäftsleiter der Pro Senectute AI.

Konkret seien bei der Pro Senectute AI aber bislang keine Meldungen eingegangen, sagt Ritter weiter. Er empfiehlt daher den Betroffenen, in einem solchen Fall eine Institution wie etwa die Pro Senectute zu kontaktieren, denn diese würde sich um solche Anliegen kümmern. «Gemeinsam könnte man dann nach Lösungen suchen – denkbar wäre etwa die Organisation eines Abholservices durch einen freiwilligen Mitarbeiter der Pro Senectute.»

Abschliessend betont Ritter, dass für ältere Menschen auch attraktive Öffnungszeiten wichtig seien. «Die entsprechenden Entsorgungsangebote müssen tagsüber sowie an möglichst vielen Tagen in der Woche zur Verfügung stehen.» Letzteres ist beim Ökohof Appenzell nur bedingt der Fall.

Wo in Ausserrhoden noch Altpapier gesammelt wird

In den meisten Ausserrhoder Gemeinden finden noch regelmässige Altpapiersammeltouren statt. Diese werden entweder durch die Gemeinden selbst, Schulen oder Vereine organisiert. Nur in Schwellbrunn, Gais und Waldstatt gibt es keine mehr. Altpapier muss dort zu den entsprechenden Sammelstellen gebracht werden. In Speicher kommt die Altpapierabfuhr alle zwei Wochen, in Herisau alle drei Wochen. In den übrigen Gemeinden wird die Altpapiersammlung nur alle zwei bis sechs Mal pro Jahr durchgeführt. (wec)