Führung «Wattwil für Ampelsteher»

SPEERSPITZ Willkommen, liebe Autofahrerin, lieber Autofahrer. Ich begrüsse Sie zu einer einmaligen Führung durch den Wattwiler Ortsteil Bunt.

Serge Hediger
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Bild: Serge Hediger

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SPEERSPITZ

Willkommen, liebe Autofahrerin, lieber Autofahrer. Ich begrüsse Sie zu einer einmaligen Führung durch den Wattwiler Ortsteil Bunt. Während der nächsten fünf bis zehn Minuten – je nachdem, wo und zu welcher Zeit Sie mit Ihrem Wagen zu stehen kommen – werde ich Ihre Wartezeit vor dem Rotlicht verkürzen. Der Name der Führung? «Wattwil für Ampelsteher».

Sie haben also eben, von Dietfurt her kommend, die Umfahrungsstrasse verlassen, auf Schritttempo abgebremst. Ihr Blick fällt nun auf die ersten Häuser im Bunt. Hier, über 40 Jahre ist es her, hatte einst ein Tante-Emma-Lädeli von Usego geöffnet. Er war bei weitem nicht der einzige Lebensmittel-Grundversorger im Quartier. Ein anderer lag an der Alten Strasse, ein dritter an der Floozstrasse. Zwei Bäckereien kamen hinzu. Nicht jeder hatte damals ein Auto zum Einkaufen.

Langsam rollt Ihr Auto aus.

Werfen Sie daher einen Blick auf die stattlichen Häuser an der Wilerstrasse – das ehemalige Altersheim rechts, das alte Schulhaus links. 1970 noch haben hier die Erstklässler mit grünen Griffeln ihre ersten Worte auf Schiefertafeln gekratzt.

Nunmehr im gemächlichen Stop-and-Go-Verkehr passieren Sie ein Anwesen, das einst als «Haus zum Mohren» bekannt war. Seine Wirtshaustafel wird im Toggenburger Museum in Lichtensteig aufbewahrt. Sie stammt aus dem Jahre 1798. Damals gehörte Wattwil zum Canton Säntis der jungen Helvetischen Republik Schweiz. Das Obertoggenburg übrigens, wohin Sie möglicherweise unterwegs sind, wurde einem anderen Kanton mit Namen Linth zugeschlagen.

Die Kurve, die wir jetzt im Schritttempo nehmen, war früher als nicht ganz ungefährlicher Puppenklinik-Rank berüchtigt. Namengebend war Gebäude links. Hier sollen Kinderpuppen repariert – Entschuldigung: geheilt – worden sein.

Und bereits fällt unser Blick auf die ersten Hochhäuser Wattwils. Sehen Sie rechterhand den Fischreiher in der Thur? Beinahe täglich fischt er dort.

Und hier, das üppige Gebüsch am Strassenrand. Es sieht schön aus, doch gern gesehen ist es nicht. Der Japanische Staudenknöterich ist eine gebietsfremde Pflanze, welche die einheimischen Arten verdrängt.

Sie wollen schon gehen? Langweile ich Sie etwa?

Aha, ich verstehe: Die Ampel steht auf Grün.

serge.hediger@toggenburgmedien.ch