Füchse, Gemsen, Wildschweine

Viele Menschen nehmen Städte als Betonwüsten wahr. Sie glauben, dass hier ausser ihnen höchstens Tauben und Ratten leben. Dass dem nicht so ist, zeigt das Projekt Stadtwildtiere, welches die Bevölkerung zum Beobachten einlädt.

Evelyn Haydon
Drucken
Teilen
In der Stadt sind inzwischen sogar mehr Füchse unterwegs als auf dem Land. Das nimmt Martin Zimmermann vom WWF Ostschweiz an. (Bild: pd/Fabio Bontandina)

In der Stadt sind inzwischen sogar mehr Füchse unterwegs als auf dem Land. Das nimmt Martin Zimmermann vom WWF Ostschweiz an. (Bild: pd/Fabio Bontandina)

Stadt und Natur sind Gegensätze. So könnte man meinen. Doch selbst in urbanen Zentren verbirgt sich eine erstaunliche Vielfalt an Tieren. Das Projekt Stadtwildtiere will die zweibeinige Bevölkerung anregen, mit aufmerksamem Blick durch die Strassen zu gehen und Tierbeobachtungen im Internet zu dokumentieren. Nachdem das Projekt in Zürich bereits seit zwei Jahren läuft, wurde es in diesem Jahr auch in St. Gallen und Wien lanciert.

St. Galler sind eifrige Beobachter

Für sich betrachtet, scheint die Zahl gering: Rund 80 Tierbeobachtungen wurden in St. Gallen seit Lancierung des Projekts Anfang Mai gemeldet. Für Wien sind es nach der gleichen Laufzeit bereits knapp 370. Angesichts der wesentlich geringeren Einwohnerzahl sind die St. Galler am Ende jedoch die deutlich aktiveren Tierbeobachter: Pro Einwohner wurden hier rund fünfmal mehr Beobachtungen gemeldet. Sandra Gloor, Wildtierbiologin und Mitgründerin des Vereins Stadtnatur, der das Projekt lanciert hat, ist zufrieden. Auch in Zürich habe es zunächst einige Anlaufzeit gebraucht, sagt sie.

Stadtbewohner werden Forscher

In St. Gallen geht es in einer ersten Phase darum, einen Überblick über die hier lebenden Wildtiere zu gewinnen. Dazu ist die Bevölkerung eingeladen, ihre Beobachtungen auf der Homepage des Projekts zu vermerken und auf der Karte einzutragen. Beobachter wie in Zürich, die ein bestimmtes Stadtgebiet intensiver im Auge behalten, gibt es hier derzeit nicht, sagt Martin Zimmermann, Geschäftsführer WWF Ostschweiz. Er freut sich, dass das Projekt so breit abgestützt ist und auch von der Stadt unterstützt wird. Ziel sei neben der Dokumentation von Tierbeobachtungen auch eine Sensibilisierung der Bevölkerung für die Schönheit der städtischen Natur.

Zimmermann ist von den Tieren in der Stadt St. Gallen beeindruckt. Insgesamt bevölkern rund 40 Säugetierarten – fast die Hälfte aller in der Schweiz heimischen – die Stadt. «Dass Füchse und Marder ihren Lebensraum längst nicht mehr auf die Wälder beschränken, vermag heute kaum mehr zu verwundern. Daneben lassen sich aber vermehrt auch andere Wildtiere in den Städten nieder.» Darunter auch unerwartete: Sowohl in St. Gallen wie auch in Zürich wurden zum Beispiel Begegnungen mit Bibern gemeldet. In der Schweiz handle es sich hierbei um Einzelfälle – in Wien hingegen gehört der grosse Nager schon fast zum Stadtbild, erklärt Sandra Gloor. Ebenso wenig würden die meisten Städter wohl mit Gemsen in ihrer unmittelbaren Nachbarschaft rechnen. Dennoch haben sich die Gebirgsbewohner auch hier in St. Gallen, an den Felswänden des Sitter- sowie des Schaugentobels, angesiedelt. Auch in Zürich und Winterthur wurden Gemsen beobachtet. Daneben finden sich auch Dachse, Rehe und Wildschweine.

Erstaunlich anpassungsfähig

«Viele Menschen nehmen Stadt und Natur als getrennte Räume wahr», erklärt Sandra Gloor. Tiere würden keine klare Grenze ziehen. Selbst sie sei immer wieder von neuem verblüfft ob der Anpassungsfähigkeit gewisser Arten. «Besonders wenn ihre Nahrungsanforderungen nicht sehr spezifisch sind, erschliessen sich viele Arten erfolgreich neue Nischen.»

www.stadtwildtiere.ch