«Frustration kann zu Hass führen»

In einem Altersheim wird ein Mann zur Bestrafung in Frauenkleider gesteckt. Der Chefarzt des kantonalen Psychiatrischen Zentrums in Herisau, Axel Weiss, erklärt, weshalb es zu solchen Vorfällen kommen kann, welche Alarmzeichen es gibt und wie man die Risiken vermindern kann.

Monika Egli
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Kann man Personen, die sich für den Pflegeberuf entscheiden, gewisse Charaktereigenschaften zuordnen?

Axel Weiss: Nein, denn es sind ganz verschiedene Voraussetzungen. Es kann zum Beispiel mit der Lebensgeschichte zu tun haben. So kann es sich um Personen handeln, die im Rahmen der Familie schon Verantwortung übernommen haben und in solche Aufgaben teilweise hineingewachsen sind. Es gibt auch Leute, die den Beruf aus ihnen nicht bewussten Motiven ergreifen. Das kann mit dem zusammenhängen, was man einmal «Helfersyndrom» genannt hat. Wenn ich mich um Personen kümmere, die auf meine Hilfe angewiesen sind, dann gibt mir das eine gewisse Machtposition. Und es gibt Menschen, die darauf angewiesen sind, um sich den Selbstwert zu bestätigen.

Was kann ausgebildete Berufsleute dazu bringen, Pflegebedürftige zu plagen?

Weiss: Unterstellen wir das Positive, nämlich dass es sich um Menschen handelt, welche diese spezielle Handlungsbereitschaft nicht von vornherein mitbringen, also nicht sadistisch veranlagt sind. Pflegen ist eine schwierige und anspruchsvolle Arbeit, in der man vielen Belastungen ausgesetzt ist. Man muss die Bereitschaft haben, sich mit Leid auseinanderzusetzen. Man versorgt Menschen, die ihre Fähigkeiten nach und nach abbauen. Damit umzugehen und fertigzu- werden, ist eine Herausforderung, der man sich zu Beginn des Berufslebens nicht unbedingt bewusst ist. Das kann zu Belastungen führen, mit denen einzelne nur schwer umgehen können. Gerade Demenzkranke und Menschen mit hirnorganischen Einschränkungen zeigen oft auch ein schwieriges Verhalten. Der Pfleger muss Dinge ein- und auch wegstecken, denen er sonst nicht ausgesetzt wäre. Aber es gehört zur Berufsausbildung, damit umgehen zu lernen und zu wissen, wo man sich Unterstützung holen kann. So muss es zur Gesprächskultur eines Heims gehören, dass man sich darüber austauschen kann. Denn schwieriges Verhalten von Patienten erzeugt bei vielen Menschen aggressive Impulse. Jeder muss lernen, diese Gefühle zu kennen und zu kontrollieren, um sie nicht auszuleben. Ganz kritisch wird es dort, wo nicht darüber gesprochen werden kann, wo diese Gefühle verdrängt werden. Dann suchen sie sich irgendwann ein Ventil.

So geht es bei Übergriffen wie in Rehetobel in der Regel um aggressive Gefühle, vielleicht sogar um Hass?

Weiss: Man kann nicht alle Fälle über einen Kamm scheren. Es gibt Übergriffe auf Pflegebedürftige, weil Pflegende die Kontrolle über sich selber verlieren. Mit anderen Worten: Es passiert im Impuls. Andere Fälle bauen sich auf, werden vielleicht sogar angekündigt. Hier kann man nicht mehr von einem Impuls sprechen. Es kann sich aber auch tatsächlich so etwas wie Hass aufbauen, wenn man nicht gelernt hat, mit den Belastungen und Frustrationen in diesem Beruf umzugehen.

In Rehetobel steckte man einen Mann zur Strafe in Frauenkleider. Steckt hinter Übergriffen letztlich immer der Gedanke der Bestrafung?

Weiss: Davon gehe ich nicht aus. Ich habe von Fällen gehört, wo Ausführende von Übergriffen über sich selber erschrocken waren und sich nachher fragten, wie ihnen das passieren konnte. Diese Personen konnten ihre Impulse nicht mehr kontrollieren, die Sicherungen sind ihnen durchgebrannt. In solchen Fällen geht es nicht um Bestrafung, sondern um ein Nicht-fertig-Werden mit der Situation, um Fälle, in denen die Pflegeperson nicht gemerkt hat, dass sie in Gefahr gerät, gewalttätig zu werden.

Kann denn die pflegende Person selber merken, dass bei ihr etwas in die falsche Richtung läuft?

Weiss: Grundsätzlich ist das möglich, wenn man in seiner Ausbildung gelernt hat, solche Zeichen zu erkennen und darauf zu reagieren. Ich habe einmal erlebt, dass ein Mitarbeiter gesagt hat: «Bei Patientin XY merkte ich, dass es ihr schlechter geht, und ich habe mich gefreut. Darüber habe ich mich selbst erschrocken.» Das ist dann natürlich das grösste Alarmzeichen, und die Station musste sich fragen, was hier zu tun ist. Womöglich fühlen die Betroffenen Scham, aber es ist sicher professionell zu reflektieren: Warum passiert mir das jetzt? Warum habe ich diese Gefühle, wie kann ich mit der Situation umgehen, damit nichts passiert? Das setzt voraus, dass man bestimmte Dinge nicht einfach als legitim hinnimmt und dass man schon Verantwortung übernimmt, auch wenn es erst im Kopf geschieht.

Und Mut braucht es auch, solche Gedanken offen auszusprechen.

Weiss: Ja, im konkreten Beispiel empfand ich grossen Respekt für den Mitarbeiter. Aber es braucht eine Gesprächskultur, damit man sich auch über diese Dinge austauschen kann. Es muss klar sein, dass die Würde der anvertrauten Person stets an oberster Stelle steht. Anderseits können Gefühle von Frustration und Ärger und andere Gedanken aufkommen, die nicht zu diesem Grundsatz passen. Das kann passieren, aber solche Gedanken müssen als ernste Anzeichen gewertet werden.

Sie sagten, der Umgang mit solchen Schwierigkeiten ist Teil der Ausbildung. Aber viele Personen in der Pflege sind nicht ausgebildet.

Weiss: Das ist tatsächlich ein grosses Problem, gerade auch beim Thema Gruppendynamik. Es ist wichtig, dass es in jeder Gruppe von Pflegenden eine gewisse Anzahl Personen gibt, die eine gute Ausbildung haben, damit sie das Wissen transportieren können und damit man überhaupt ein Gegenüber hat, das versteht, worum es geht.

Stichwort Gruppendynamik: Auch in Rehetobel hat sich eine Gruppe zusammengefunden. Was geht vor, bis sich eine ganze Gruppe zu verwerflichem Handeln entschliesst?

Weiss: Wenn sich Personen in einem bestimmten Punkt nicht verstanden fühlen, können sie sich als Clique zusammenschliessen. Dann wird es ganz schwierig, weil sie als Clique auch für Vorgesetzte nicht mehr erreichbar sind. Es ist auch schwer, solche Situationen zu erkennen. Wenn sich eine Gruppe mit ihrer Frustration in sich abschliesst, dann entsteht eine ungute Dynamik. Dann können sich Dinge aufbauen, auf die man von aussen nur noch wenig Zugriff hat.

Wie sind solche Gruppen zusammengesetzt? Gibt es Rädelsführer und Mitläufer?

Weiss: Das lässt sich nicht pauschal sagen. Es lässt sich aber sagen, dass die moralischen Entscheidungen von Menschen sehr vom sozialen Gefüge abhängen. Es gibt Experimente, in denen Personen aufgefordert

wurden, anderen Menschen aus einem wichtigen Grund Schmerzen zuzufügen. Die Probanden gingen davon aus, dass die Situation real sei. Es war erschreckend, wie viele zufällig ausgewählte Personen bereit waren, Menschen zu foltern und zu quälen, wenn ihnen vom Versuchsleiter gesagt wurde, es sei in Ordnung. Ich glaube, dass die Bereitschaft, sich unmoralisch zu verhalten, sehr schnell sehr viel grösser wird, wenn man sich in einer Gruppe aufgehoben und von dieser legitimiert fühlt.

In vielen Berufen gibt es den sogenannten schwarzen Humor. Ist er tolerierbar, solange er intern bleibt, oder sollten Vorgesetzte schon dort Gegensteuer geben?

Weiss: Es kommt darauf an, ob es eine situative Bemerkung ist oder ob aus der Bemerkung eine Haltung spricht. Auf jeden Fall sollte man solche Sprüche als Anzeichen dafür nehmen, wie es um die Stimmung und Belastung im Team steht, ob sie Schlüsse auf die Haltung zulassen oder auf eine Risikosituation, in der auf Worte Taten folgen. Das muss man sehr ernst nehmen.

Schwarzer Humor ist ja oft ein Ventil…

Weiss: …und wo es ein Ventil braucht, gibt es Druck.

Druck ist fast allgegenwärtig.

Weiss: Ja, aber im Bereich Pflege ist er kritisch. Es kommt auch darauf an, worauf sich schwarzer Humor bezieht. Bezieht er sich auf eine Person, bedeutet dies höchste Alarmstufe.

Wie Sie vorhin sagten, können Patienten sehr schwierig sein. Kann man es als Pflegerin denn überhaupt aushalten, über Jahre mit schwierigen Personen umzugehen?

Weiss: Ich glaube schon, dass Menschen das lange aushalten und damit auch gut umgehen können. Es gibt Pflegerinnen, die mit der Zeit merken, dass sie es nicht mehr aushalten und die dann aus dem Beruf aussteigen; eine durchaus kluge Entscheidung. Aber ich kenne viele Personen, die bis zur Rente in diesem Beruf arbeiten und das können. Dabei geht es wieder um die Frage der Ausbildung, es geht um Selbstkompetenzen. Allerdings stehen wir vor einem demographischen Problem. Pflegeheime sind darauf angewiesen, qualifizierte Mitarbeitende überhaupt erst zu gewinnen, auf der anderen Seite wird die Pflegebedürftigkeit immer grösser und gleichzeitig die Bereitschaft, sich auf diesen Beruf einzulassen, immer weniger.

Und Geld spielt auch eine Rolle. Führt das langsam, aber sicher in einen Teufelskreis?

Weiss: Ja, Geld spielt insofern eine Rolle, weil in unserer Gesellschaft Geld und Ansehen viel miteinander zu tun haben, und Berufe, die schlecht bezahlt sind, ein geringeres Ansehen haben. Über Pflegeberufe sagt niemand etwas Schlechtes, aber es sind oft keine sehr angesehenen Berufe.

Das Altersheim in Rehetobel ist ein kleines, familiäres Heim, das Opfer ein Mann mit Einschränkungen wegen einer Krankheit. Ist er dort überhaupt am richtigen Ort?

Weiss: Das ist eine spannende Grundsatzfrage. Es geht um die Frage, ob es besser ist, Spezialeinrichtungen zu schaffen. Damit schafft man aber in gewisser Weise Ghettos, wo sich Probleme konzentrieren. Gerade im Bereich Pädagogik ist es ja eher umgekehrt; man integriert Kinder mit einer Behinderung in normale Klassen. Solche Probleme gehören auch zum Leben und ins Leben, und alle Kinder profitieren von dem, was wir «Inklusion» nennen. Wenn man die problematischen Fälle an einem Ort konzentriert, erhöht sich auch die Belastung der Pflegenden.

Haben denn so kleine Heime überhaupt eine Zukunft?

Weiss: Auch das muss man

grundsätzlich anschauen. Da kann ich zum Bereich Altenpflege wenig sagen. Im Bereich von psychisch Behinderten aber sagt man, dass die Heime kleiner werden müssen. Statt dass 30 oder 40 Personen zusammenleben, schafft man Wohngruppen mit vier bis sechs Personen. Kleine Heime sind oft in den Ort eingebettet, es steht ein soziales Netz zur Verfügung, das bietet auch Ressourcen, mit bestimmten Situationen umzugehen. Kleine Heime haben zudem den Vorteil, dass die Heimleitung näher bei den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern ist.

Man spricht in Fällen wie in Rehetobel schnell von Überforderungen. Sie sprechen mehr von Ausbildung.

Weiss: Überforderung ist ja etwas sehr Subjektives. Meiner Ansicht nach ist eine gute Ausbildung auch ein Schutz vor Überforderung. Übergriffe, auch solche sexueller Art, waren früher tabuisiert, heute sind sie in den Fokus gerückt. Auch heute ist klar, dass Übergriffe nicht geschehen dürfen, aber es ist auch klar, dass man aktiv an diesen Themen arbeiten muss. Das beginnt vorab in der Ausbildung – das macht einen wichtigen Unterschied aus.

Hat es im Psychiatrischen Zentrum auch schon solche Vorfälle gegeben?

Weiss: Vorfälle sind mir keine bekannt, auch nicht aus der Zeit, bevor ich hier anfing. Aber es gibt schwierige Situationen, die in der Supervision von Mitarbeitenden auch angesprochen werden. Doch sobald das Thema auf dem Tisch liegt, bewegt man sich auf die sichere Seite; dann hat man einen geschützten Raum, um darüber zu sprechen, und das Risiko, dass etwas passiert, sinkt. Darauf legen wir grossen Wert.

Was halten Sie von schwarzen Listen mit den Namen von fehlbaren Mitarbeitern?

Weiss: Ich fände eine schwarze Liste schwierig, weil es auf die Betrachtung der Situation im Einzelfall ankommt, und weil es wichtig ist, dass über diese Dinge gesprochen wird. Bei Neueinstellungen verlangen wir allerdings einen Strafregisterauszug, um zu wissen, ob es aktenkundige Vorfälle gibt, die mit Übergriffen und Grenzverletzungen zu tun haben. Und wir holen Referenzen ein.

Sind es mehr Frauen oder mehr Männer, die im Falle von Überforderung die Nerven verlieren?

Weiss: Es arbeiten natürlich viel mehr Frauen in der Pflege. Aber ich kenne keine Untersuchung über diese Frage. Spontan würde ich sagen, dass es keinen grossen Unterschied gibt.