Frühkindliche Förderung
«Kinder sollen von Kindern lernen»: Spielgruppe Jupidu zieht nach einem Jahr frühe Sprachförderung Bilanz

Rund 100 Kinder verbringen ihr kürzlich gestartetes Spielgruppenjahr in der Spielgruppe Jupidu an der Gutenbergstrasse 3 in Herisau. Es ist das zweite Jahr, in dem in der Spielgruppe das kantonale Projekt «Frühe Sprachförderung» umgesetzt wird.

Ramona Koller
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Unter anderem in der Spielgruppe Jupidu in Herisau lernen Kindern in sprachendurchmischten Gruppen spielend Deutsch.

Unter anderem in der Spielgruppe Jupidu in Herisau lernen Kindern in sprachendurchmischten Gruppen spielend Deutsch.

Bild: PD

In der Spielgruppe Jupidu in Herisau kümmern sich zehn Spielgruppenleiterinnen und fünf Begleitungen um rund 100 Kinder, welche jeweils einen oder mehrere Vormittage und Nachmittage in der Spielgruppe verbringen. An drei Morgen wird ausserdem eine Waldspielgruppe an einem von drei Standorten angeboten. Seit kurzem wird dabei an einem Morgen auch ein Bauernhof im Quartier Ifang besucht. «Je nachdem, wonach sich die Kinder fühlen, können die beiden Leiterinnen flexibel entscheiden, ob sie mit der Gruppe in den Wald oder auf den Bauernhof geht», sagt Martina Knöpfel, Personalleiterin und selbst Leiterin einer Spielgruppe.

Martina Knöpfel (Personalleitung und Spielgruppenleiterin), Melanie Ruckstuhl (Präsidentin), Rahel Berger (Kassierin, Spielgruppenleiterin) und Marion Monig (Aktuarin) bilden den Vorstand der Spielgruppe.

Martina Knöpfel (Personalleitung und Spielgruppenleiterin), Melanie Ruckstuhl (Präsidentin), Rahel Berger (Kassierin, Spielgruppenleiterin) und Marion Monig (Aktuarin) bilden den Vorstand der Spielgruppe.

Bild: PD

Tisch und Stühle in kindergerechter Grösse

Die Leiterinnen bezeichnen Jupidu als eine Spiel-, Wirk- und Werkgruppe. Das Spiel stehe im Mittelpunkt, denn «spielen bedeutet in diesem Alter auch gleichzeitig lernen». Damit die Kinder besonders dem Werken noch besser nachgehen können, habe man auf dieses Jahr einen kindergerechten Tisch und passende Stühle angeschafft. «Wir haben, auch beispielsweise beim Znüni, gemerkt, dass einige der Kinder damit überfordert sind, auf einer Bank für Erwachsene zu sitzen, und runterfallen. Deshalb sind Tisch und Stühle nun auf ihre Grösse angepasst», so Knöpfel.

Finanziert wurde das neue Mobiliar durch die Steinegg Stiftung. Umgesetzt wurde der Auftrag durch die Schreinerei Dreischiibe in Herisau. Man freue sich, dass man mit dem Auftrag eine lokale Arbeitgeberin für Menschen mit und ohne Beeinträchtigung habe unterstützen können. Von der Bibliothek Herisau hat die Spielgruppe ausserdem alte Bücherkisten geschenkt bekommen, die eine flexible Nutzung des Eingangsbereichs ermöglichen.

Dank einer Spende der Steinegg Stiftung konnte sich die Spielgruppe einen Tisch und Stühle in kindergerechter Grösse anschaffen.

Dank einer Spende der Steinegg Stiftung konnte sich die Spielgruppe einen Tisch und Stühle in kindergerechter Grösse anschaffen.

Bild: PD

Nur zwei Drittel sprechen Schweizerdeutsch

Etwa die Hälfte der Kinder in der Spielgruppe Jupidi hat einen Migrationshintergrund. Knöpfel präzisiert:

«Rund ein Drittel unserer Kinder spricht bei Eintritt in die Spielgruppe kein Deutsch. Es fällt diesen Kindern zum Teil schwer, sich in der Gruppe wohlzufühlen.»

Für diesen Ablöseprozess brauche es Geduld und das Verständnis der Spielgruppenleiterin. «Darum ist der überschaubare Rahmen in einer Spielgruppe mit kleinen, konstanten Gruppen sehr wertvoll», so Knöpfel. Spätestens im Kindergarten werde ausserdem das fehlende Verständnis zu einem grossen Problem, wenn es darum geht, neue Dinge zu lernen.

Abhilfe schaffen soll das Projekt «Frühe Sprachförderung», welches das Schwerpunktthema des Kantonalen Integrationsprogramms 2018–2021 ist. Das Programm wird vom Bund, dem Kanton und den 20 Ausserrhoder Gemeinden gemeinsam finanziert. Kinder, welche für das Projekt angemeldet wurden oder werden, profitieren von einem vergünstigten Spielgruppen- oder Kindertagesstättenplatz.

Die Kinder sollen beim gemeinsamen Spielen Deutsch lernen.

Die Kinder sollen beim gemeinsamen Spielen Deutsch lernen.

Bild: PD

Kinder sollen von Kindern lernen

Das Zeil sei es, im Alltag das Deutsch der Kinder zu fördern. Die Kinder sollen jedoch nicht nur von der Leiterin, sondern vor allem auch von anderen Kindern Schweizerdeutsch lernen. In der Frage, ob es sinnvoll ist, dass sie vor dem Kindergarten Schweizerdeutsch lernen, obwohl sie bereits im Kindergarten und spätestens in der Schule Schriftdeutsch lernen müssen, führe immer wieder zu Diskussionen, erklärt Knöpfel. Doch nicht nur diese beiden Sprachen, sondern auch die Muttersprache sei enorm wichtig:

«Die Eltern sollen zu Hause mit ihren Kindern in deren Muttersprache reden. Umso grösser der Wortschatz in dieser ist, desto einfacher fällt es einem Kind, andere Sprachen zu lernen.»

Sie handhabe es in ihrer Gruppe so, dass sie je nach Situation Schweizer- oder Schriftdeutsch spreche.

Gruppen sind durchmischt

In den Spielgruppen finden sich jeweils Kinder, die Schweizerdeutsch sprechen, und solche, die es noch lernen müssen. «Im ersten Jahr haben wir sehr gute Erfahrungen gemacht. Auch die Eltern sind offen für das Projekt und dankbar, dass wir bei der Integration ihrer Kinder helfen können», so Knöpfel.

Die Fortschritte der Kinder, die im letzten Jahr Teil des Projekts waren, seien ganz unterschiedlich gewesen, erinnert sich die Spielgruppenleiterin. Während einige geplappert hätten wie ein Buch, hätten andere Schweizerdeutsch wohl verstanden, es jedoch nicht gesprochen. «Ein Kind hat jeweils die Liedli und Versli, die wir gesungen und aufgesagt haben, stumm mitgesprochen. Laut auf Schweizerdeutsch geredet hat es jedoch nicht», so Knöpfel.

Die emotionale Bindung als Grundlage

Das Programm ermögliche auch für die Leiterinnen und Leiter neue Möglichkeiten. Dank der finanziellen Unterstützung können sie an Weiterbildungen zum Thema teilnehmen. Es gäbe viele Tricks, die ihnen bei der Arbeit mit den Kindern helfen: «Ich spreche beispielsweise oft laut aus, was ich gerade mache. Oder ich frage die Kinder, welches Spielzeug sie wollen. Ich versuche, das Interesse der Kinder aufzunehmen und darüber ins Gespräch zu kommen. Wir erzählen ihnen Geschichten, sagen Verse auf oder singen Lieder. Die Kinder werden nicht ‹geschult›, da dies nicht dem Spielgruppenalter entspricht», so Knöpfel. Das Wichtigste sei jedoch, dass die Leiterinnen eine Bindung zu den Kindern aufbauen können und sich die Kinder wohlfühlen. Nur dann sei eine erfolgreiche sprachliche Integration effektiv möglich.

Unterstützung für alle Seiten

Auch deutschsprachige Kinder profitierten vom Projekt. Zum einen dadurch, dass die Spielgruppen in diesem Projekt durch den Kanton und die Spielgruppenfachstelle SG-AI-AR strukturell und personell gestärkt würden und die Spielgruppenleiterinnen Weiterbildungen im Bereich Sprachförderung besuchen könnten. «Auch Kinder mit Schweizerdeutsch als Muttersprache können natürlich von der alltagsintegrierten Sprachförderung profitieren, da wir dadurch ja sehr achtsam und bewusst mit unserer Sprache in der Spielgruppe umgehen», erklärt Knöpfel.

Auch die Eltern würden unterstützt und in ihrer Erziehungskompetenz gestärkt. Dies geschehe in Form von Elternkontakten, Besuchstagen und Tipps. Bei Bedarf informiere man auch über Beratungsstellen oder soziale Angebote wie MuKi-Turnen, Chrabeltreffs oder Ähnliches. «Auch das gehört zur Sprachförderung. Das haben wir aber schon vorher so gehandhabt», so Knöpfel.

Erfolgreicher Start des kantonalen Projekts

Carina Zehnder, Integrationsbeauftragte der kantonalen Verwaltung, wirft einen Blick auf die Situation im Kanton. Bis jetzt werde das Projekt in zehn Spielgruppen in den Gemeinden Bühler, Herisau, Gais, Teufen, Trogen, Urnäsch Schwellbrunn und Waldstatt umgesetzt. In Bühler, Gais, Grub, Heiden, Herisau, Speicher, Teufen und Urnäsch sind auch Kindertagesstätten am Projekt beteiligt. Zehnder führt aus:

«Das Ziel ist es, in allen Gemeinden Angebote zur frühen Sprachförderung in den bestehenden Strukturen zu ermöglichen.»

Seit dem Projektstart im Herbst 2019 hätten bereits rund 130 Kinder im Vorschulalter in Kindertagesstätten und Spielgruppen «spielend» Deutsch gelernt. Aktuell seien 70 Kinder im Rahmen des Projekts dabei, Deutsch zu lernen. Davon besuchen 34 Kinder Tagesstätten und 36 Kinder Spielgruppen.

Mit dem bisherigen Verlauf des Projekts sei man zufrieden, hält Zehnder fest: «Trotz der Herausforderungen durch die Covid-19-Pandemie, ist es gelungen, in zehn Kindertagesstätten von fünf Kita-Trägerschaften und in zehn Spielgruppen mit der frühen Sprachförderung zu starten.» Im Sommer sei ausserdem eine Leistungsvereinbarung mit dem Verein Tagesfamilien AR abgeschlossen worden. «Wir bleiben an den geplanten Fördermassnahmen ‹Kinder stärken›, ‹Eltern stärken› und ‹Institutionen stärken› dran, um so viele Kinder wie möglich zu erreichen», so Zehnder.

Weiterbildungen werden unterstützt

Die Umsetzung der Förderangebote könne nur in Zusammenarbeit mit Spielgruppen, Tagesfamilien und Kindertagesstätten erfolgen, deren Gruppen sprachlich gemischt seien, die vorgegebenen Qualitätsrichtlinien einhalten und eine Sprachförderung gewährleisten könnten. Um die Institutionen für eine Sprachförderung mit Wirkung fit zu machen, würden Weiterbildungen für Mitarbeitende in Betreuungsinstitutionen mit Bezug zur Sprachförderung unterstützt. «Indem die Strukturen und die Kompetenzen der Institutionen gestärkt werden, profitieren letztlich alle Kinder davon», erklärt Zehnder. Um alle fremdsprachigen Eltern über die Bedeutung der frühen Sprachförderung zu informieren, sei die Mütter- und Väterberatung der Pro Juventute AR mit einem Auftrag zur aktiven Kontaktaufnahme mandatiert worden.

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