«Früh und energisch handeln»

Mobbing kann jeden treffen und ist nicht nur für die betroffenen Schüler eine grosse seelische Belastung, sondern auch für die Eltern und weitere Beteiligte. Betroffene Eltern schildern den Fall ihres Kindes, die Erfahrungen als Eltern sowie die Lehren, die sie daraus gezogen haben.

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TOGGENBURG. Das Toggenburger Tagblatt hat mit Eltern gesprochen, deren Kind in der Primarschule gemobbt wurde, um auf die Problematik aus Sicht der Eltern aufmerksam zu machen.

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«Unser Kind erfuhr Mobbing auf die perfideste Art und Weise und dies über einen Zeitraum von fast einem Jahr. Viele Wochen verstrichen, bevor wir Eltern die Tragweite des Ganzen überhaupt erfassen und entsprechende Schritte unternehmen konnten.

Die Klassenzusammensetzung unseres Kindes war von Beginn an schwierig, denn es herrschte ein enormer Cliquen-Druck. Unser Kind wurde immer öfter diskriminiert und man verbreitete Lügen und Gerüchte über es. Zu Beginn versuchte es, die betreffenden Mitschüler darauf anzusprechen und sie zu fragen, warum sie dies tun, erhielt aber nie eine Antwort. Die damalige Lehrperson versuchte, die Angelegenheit zu thematisieren. Dies brachte jedoch nur eine kurzfristige Verbesserung der Situation. Auch der Versuch mit der einen oder anderen Mutter zu sprechen, in der Hoffnung mehr Klarheit zu erhalten und zu schaffen, erwies sich als schwierig bis kontraproduktiv.

Also wandten wir uns an die Schulbehörde, die sofort handelte und die Kriseninterventionsgruppe beizog. Diese schickte eine Sozialarbeiterin in die Klasse, die wöchentlich mit der Klasse arbeitete. Anstatt das Mobbing zu beenden, spitzte sich die Situation dadurch leider nur noch mehr zu. Unser Kind wurde nun im Kollektiv ausgeschlossen. Die Sozialarbeiter, mit denen wir Eltern regelmässig im Gespräch waren, versicherten uns, dass die ganze Angelegenheit Zeit und Geduld brauche und nicht von heute auf morgen gelöst werden kann.

Zu lange gewartet

Dies war uns auch bewusst. Dennoch denken wir heute, wir hätten uns weniger vertrösten lassen und schneller handeln sollen. Auch würden wir uns vehementer, aber immer noch sachlich, für unser Kind einsetzen anstatt Entschuldigungen für jene Mitschüler zu suchen, die unser Kind plagen. Das hat vielleicht auch dazu geführt, dass wir zu zögerlich aufgetreten sind. Die Zeit lief gegen uns. Unser Kind wurde krank. Zu lange hat es all die Gemeinheiten und Ungerechtigkeiten ausgehalten und hielt diesem gewaltigen Druck stand, der von seinen Mitschülern ausgeübt wurde. Es wollte weiter in die Schule, hatte Freude am Lernen und kam aufgrund seiner Sozialkompetenz bei den Lehrpersonen und vielen Mitschülern gut an. Damit zog es aber Neid auf sich, was sich auch als Ursache für die Mobbingspirale heraus stellte. Unser Kind ist vom Charakter her aber eher zurückhaltend, was das Mobbing begünstigt hatte.

Schliesslich mussten wir unser Kind von der Schule nehmen, da sich sein Gesundheitszustand verschlechtert hatte. Es konnte nicht mehr schlafen, hatte dauernd Bauchschmerzen, ass kaum noch und wurde zunehmend apathischer. Das ist für Eltern etwas vom Schrecklichsten, so etwas zu erleben. Denn ein Kind, das nicht mehr essen will, will nicht mehr leben. Dabei war unser Kind vor dem Mobbing lebensfroh, gut integriert und ging gerne zur Schule.

Auch für uns eine intensive Zeit

Mit professioneller Unterstützung wurde unser Kind schrittweise wieder gesund. Nach fünf Wochen konnte es wieder in die Schule gehen. In intensiver Zusammenarbeit mit der Schulbehörde fanden wir eine gute Lösung für unser Kind. Es kam in eine andere Schule, wo es sich schnell gut integriert hat und neue Freunde fand. Heute ist ihm fast nichts mehr anzumerken, obwohl das eine Jahr sicher seine Spuren hinterlassen hat.

Es war auch für uns Eltern eine intensive Zeit. Die perfiden Machenschaften, denen unser Kind täglich ausgesetzt war, die Lügen, die über es erzählt wurden, die seinem Ruf nicht nur in der Klasse, sondern auch ausserhalb massiv geschadet haben und all die vielen Gespräche mit der Schulbehörde, den Schulpsychologen und Sozialarbeitern gingen auch uns an die Substanz. Es war nicht mehr möglich, ein normales Familienleben zu führen. Die Lebensqualität wurde massiv beeinträchtigt. Es war die Hölle. Trotzdem sind wir an dieser Erfahrung gewachsen. Und nun ist für uns die Zeit gekommen, das Vergangene loszulassen, zu vergeben und wieder nach vorn zu blicken.»

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Zum Schutze des Kindes werden keine Namen genannt.

Matthias Giger