Frohe Botschaft in Gips und Wachs

BAZENHEID. Seit gut 100 Jahren stellen zur Weihnachtszeit in der Kirche St. Josef zu Bazenheid aus Gips gegossene Krippenfiguren die Menschwerdung Gottes als einen der Angelpunkte des hiesigen Glaubens dar.

Josef Moser
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Figuren aus Gips und in Öl gefasst: Maria und Josef 1910, Ochs und Esel sowie Kamelführer mit Kamel 1909. Die anderen Figuren sind unsigniert. (Bild: pd)

Figuren aus Gips und in Öl gefasst: Maria und Josef 1910, Ochs und Esel sowie Kamelführer mit Kamel 1909. Die anderen Figuren sind unsigniert. (Bild: pd)

Eigentlich grenzt es an ein Wunder, dass sich die sehr zerbrechlichen Gipsfiguren, welche vom Anfang des letzten Jahrhunderts stammen, bis heute vollständig erhalten haben. Zu verdanken ist dies vor allem Pfarrer Franz Xaver Mäder (1970–83), der den kulturhistorischen Wert erkannt hat und anno 1982 die zehn Figuren und neun Tiere aus Geldmitteln des Pfarramtes bei der damaligen Restaurationsfirma Helbling & Fontana in Jona restaurieren liess. Die Rechnung nennt folgende Arbeiten: «Reinigen der Verschmutzungen durch sorgfältiges Waschen, abgeschlagene Teile nachmodelliert, Fehlstellen ausgebessert.»1 Nicht restauriert wurden zwei dazugehörige Anbetungsengel und ein Verkündungsengel, weil diese erst später zum Vorschein kamen.

Reiches Figurenensemble

Die farbig gefassten Bazenheider Krippenfiguren sind bis 83 Zentimeter gross. Sechs davon enthalten die Gravur einer Firmenmarke mit Datum. Das Jesuskind liegt mit einladend geöffnetem rechtem Arm und auf seinem Herzen ruhender linker Hand in einer Krippe, als wollte es den Betrachter dazu einladen: «Komm her, bekehre dich und profitiere von meiner unergründlichen Barmherzigkeit.» Maria und Josef knien mit gefalteten Händen davor, beide wurden 1910 hergestellt. Ein Kamelführer mit stehendem Kamel von 1909 begleitet die Heiligen Drei Könige. Ein kniender Hirte, einer mit Hund und einer mit Flöte wachen über sechs Schafe. Ochse und Esel (1909), welche schon seit den Kirchenvätern zur Krippe gehören, leisten dem Jesuskind Gesellschaft. Denn im Prophetenbuch Jesaja, welches das endzeitliche Heilshandeln Gottes ankündigt, steht gleich am Anfang zu lesen: Der Ochse kennt seinen Besitzer und der Esel die Krippe seines Herrn.2 Der Verkündigungsengel zeigt mit erhobenen Armen auf einem weissen Band den lateinischen Aufruf zum Lobe Gottes für das Geschenk seines Mensch gewordenen Sohnes in der Krippe an uns Menschen: Gloria in Excelsis Deo.

Wertvolles Kulturgut

Die Krippenfiguren scheinen vom Stil der Nazarener beeinflusst, die zu Beginn des 19. Jahrhunderts in Rom tätig waren mit dem Ziel, der damaligen inneren Leere der akademischen Malerei eine neudeutsch-religiöse Kunst entgegenzusetzen. Sie griffen auf Dürer, Raffael und Perugio zurück. Mit der Zeit verlor ihre Malerei an Frische. Krippenfiguren aus Gips kamen Ende des 19. Jahrhunderts in Mode und wurden meist im Verlagssystem hergestellt, das heisst eine Verlagsfirma – in bezug auf die signierten Bazenheider Figuren mit dem Markenzeichen HDT Déposé – vergab von ihrem Standort aus die Fertigung an spezialisierte Werkstätten wie Gipsgiessereien und Polichromieateliers und vertrieb sie in aller Herren Länder. Bedeutende Produktionsstätten sind nachgewiesen in Mitteldeutschland, Holland und Frankreich. HDT weist auf ein Verlagshaus in Deutschland hin.3

Ruhe und Ausdrucksstärke

Nachdem der Figurist die Formen von verschiedenen Modellen genommen hatte, goss er die Figuren in gewünschter Art und Grösse. Zur Härtung und Versiegelung wurde die Oberfläche mit einer Lösche auf Knochenleimbasis versehen. Der Polichromeur beziehungsweise der Fassmaler trug auf die grundierten Figuren die zu sehenden Ölfarben auf, Ölfarben deswegen, damit die einzelnen Gesichts- und Gewandteile gut verschlichtet werden konnten.4 Besonders ausdrucksstarke Modellierungen an Bazenheider Figuren zeigen die Antlitze des Jesuskindes und des knienden Hirten, der Kopf des Ochsen sowie die Gewänder des Hirten mit dem Hund und des knienden Königs mit Krone. Die andern Figuren sind eher durch Einfachheit und Gefühlsruhe, aber auch durch Andacht in ihren Gesichtern gekennzeichnet.

Geheimnisvolles Jesuskind

Vor Jahren überreichte die Mesmerin der St. Laurenzenkapelle, Elsi Stillhard, dem Schreiber zuhanden des Pfarramtes in einer entstaubten braunen Kartonschachtel ein Wachs-Jesuskind und eine dazugehörige Futterkrippe, mit dem Hinweis, sie habe es zufällig auf dem Dachboden des Heiligtums gefunden. Es habe nur deswegen die Entrümpelung des Dachbodens vor der Renovation (1971/73) überstanden, weil die Schachtel in ihrer äusseren Erscheinung einem am Boden verlängerten Balkenfortsatz ähnelte, der bedeckt war von grauen Staubablagerungen gleicher Konsistenz und Farbe wie das wirkliche Gebälk. Das hervorragend erhaltene, 30 Zentimeter lange Gotteskind aus Wachs, dessen Lenden ein Gazetüchlein umhüllt, liegt mit ausgebreiteten Armen in einer vierfüssigen ovalen Korkrinden-Krippe auf einer Heuunterlage. Von jedem Krippenfuss aus führen von Stauden abgezweigte Verästelungen in jugendstilartiger Fächerung zur Stabilisierung der Rindenwanne. Während ein feiner Farbauftrag Haare, Augenbrauen, Nasenöffnung und Lippen andeutet, blicken blaue Glasaugen aus dem Wachsgesicht heraus. Beharrliche Nachforschungen mündlicher Art und in möglichen schriftlichen Quellen brachten wenig zutage über Herkunft und Verwendung dieses Wachs-Jesuskindes. Im Gegenteil, es tauchten immer mehr Fragen auf: Ist der braune Karton mit den noch fragmentarischen Angaben auf dem Deckel mit Absender Anhalterbahnhof in Berlin und Empfänger in Zürich die Originalverpackung? Was bedeutet die auf der linken Schachtdeckelseite vorgenommene Notiz «Krippe complete»? Wenn ja, aus welcher Berliner Wachsmanufaktur stammt es? Ist es eine Klosterarbeit? Oder ist es das letzte Relikt einer nicht mehr vorhandenen ersten «Weihnachtsgruppe mit Untersatz», wie das Inventarbuch von Kirche und Kapelle für das Jahr 1905 erstmals ausweist?5 Hat es zur Weihnachtszeit Ende des 19. Jahrhunderts, nachdem es geschaffen worden war, auf der Predella des Kapellenaltars gestanden? Ist es ein später Ersatz für ein früheres Fatschenkind, ein Wickelkind, das einst in der Kapelle aufgestellt war zum Kindleinwiegen? Warum sind weder die Gipsfiguren noch das Wachs-Jesuskind in den Protokollen und Ablagen des Katholischen Kirchenverwaltungsrats erwähnt? Das Wachs-Jesuskind bleibt letztlich von einem geheimnisvollen Schleier umrankt.

Selten gewordenes Kulturgut

Die heutigen Bazenheider Gips-Krippenfiguren dürften in der Zeit zwischen 1913 und 1918 erworben worden sein. Denn im erstgenannten Jahr nennt das Inventarbuch lediglich eine «Weihnachtsgruppe» ohne Untersatz zum Preis von 400 Franken, deren Mehrwert ein halbes Jahr später auf das Doppelte anstieg wegen «Ergänzungen». Und fünf Jahre danach wurde der Wert nochmals um 400 Franken erhöht. Zum Vergleich: Die silbervergoldete Lyoner Monstranz liegt anno 1919 mit 1000 Franken um 200 Franken tiefer als die gesamte Weihnachtsgruppe.6

Heute sind im deutschsprachigen Kulturraum nur noch wenige vollständige Gips-Krippenfiguren-Einheiten vorhanden. Die Hauptgründe liegen in unsachgemässem Umgang, in feuchter Lagerung, in kriegerischen Ereignissen und im «Bildersturm», den das 2. Vatikanische Konzil (1962–65) ausgelöst hat mit den Beschlüssen zur Versachlichung der Kirchenräume, um die Gläubigen zum Wesentlichen im Glauben hinzuführen. Verschiedene Objekte aus der religiösen Praxis verschwanden und sind heute nicht mehr im Gebrauch. Darin eingeschlossen sind auch unzählige Gipsfiguren von Krippen und Heiligenstatuen aus Kirchen. Mit Bazenheid vergleichbare Krippenfiguren sind unter anderem in den Kirchen von Berg im Kanton Thurgau und Amden aufgestellt.

Redimensionierter Krippenstall

Den ursprünglich über zwei Meter hohen Stall aus Rundhölzern und mit Strohmatte belegtem Pultdach richteten Lehrlinge von der ehemaligen Zimmerei Albert Böni flächendeckend auf dem Josefaltar auf. Im Laufe der Zeit schädigte der Holzwurm das Birkengebälk, welches jeweils im Turm gelagert wurde, derart, dass es entsorgt werden musste. Oswald Meier, der 50 Jahre lang den Mesmerdienst versah (1936–86), fertigte einen neuen, kleineren Krippenstall ebenfalls mit Pultdach, welcher bald nach der Kirchenrenovation (1974–76) vor dem Volksaltar den Anfang des Erlösungsgeschehens in den Mittelpunkt setzte.7

Den heutigen zerlegbaren Stall schuf Kirchenpräsident Albert Meile (1991–2013) im Jahre 1993 in der Werkstatt von Treppenbau Fritz Rutz, weil sich der Mesmer beschwert hatte über den körperlichen Aufwand des Aufstellens. Für die Rückwand und das Dach verwendete er Tannenholz von der Abbruchscheune der Geschwister Rütsche «Zur Eisenbahn» an der Zäpfehusstrasse, wo die Jugend heute Fussball trainiert, Baujahr 1890. Mögen die Bazenheider Krippenfiguren aus Gips mit dem Jesuskind, welches den rechten Arm seit geraumer Zeit auch nach dem Friedenslicht ausstreckt, immer wieder von Gottes Heilshandeln an uns Menschen künden: Liebet einander so, wie ich euch liebe. Dann wird Eintracht herrschen unter den Menschen, ganz im Sinne der Frohbotschaft des Engels im Gloria: Und auf Erden Frieden den Menschen, die guten Willens sind.

Quellenangaben: 1Rechnung Fontana & Helbling AG Jona an das Pfarramt Bazenheid, 17. Dezember 1982 2 Pfarrer Paul Burtscher in den «Voralberger Nachrichten», 21. November 2013 3 Guido H. Esper «Lexikon zum Krippenkabinett» in krippenkabinett.de 4 Michael Schinabeck, Restaurator Fontana & Fontana Jona, 4. November 2014 5 Archiv Kath. Kirchenverwaltungsrat Bazenheid, A KKB, Inventarbuch Pfarrkirche und Kapelle 6 Siehe Nummer 5 7 Franz und Margrit Kropf-Oswald, Kirchgasse 4 Bazenheid, 22. November 2014 8 Albert und Margrit Meile, Bazenheid, 22. November 2014

Wachs-Jesuskind in Krippe aus Korkeiche auf Heuunterlage, Laurentiuskapelle Bazenheid.

Wachs-Jesuskind in Krippe aus Korkeiche auf Heuunterlage, Laurentiuskapelle Bazenheid.

Andächtig betender Weise aus der Dreikönigsgruppe, Gips in Öl.

Andächtig betender Weise aus der Dreikönigsgruppe, Gips in Öl.

Friedenslicht aus Bethlehem. (Bilder: pd)

Friedenslicht aus Bethlehem. (Bilder: pd)

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