Freitagabende

Freitagabend ist Freundinnenzeit. Seit mindestens 15 Jahren schon, seit wir abends ausgehen dürfen, treffen sich meine beste Freundin und ich (meistens, allermeistens) an diesem Abend in der Stadt.

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Freitagabend ist Freundinnenzeit. Seit mindestens 15 Jahren schon, seit wir abends ausgehen dürfen, treffen sich meine beste Freundin und ich (meistens, allermeistens) an diesem Abend in der Stadt. Wir gehen essen, wir gönnen uns ein Stück Torte, wir sehen uns einen Film an, wir trinken etwas, wir besprechen die Woche, wir tauschen Klatsch und Tratsch aus, wir hören einander die Sörgelchen ab, wir lachen viel. Manchmal treffen wir uns schon am frühen Abend, um am nicht allzu späten Abend wieder zu Hause zu sein. Dann versuchen wir, eine halbe Stunde bevor die Kioske schliessen in der Bahnhofshalle zu sein.

Wir suchen uns den am wenigsten frequentierten Bahnhofskiosk aus. Wir begutachten die Titelseiten der Frauenzeitschriften und Klatschmagazine ganz genau. Wir blättern darin. Jede von uns entscheidet sich für ein Heft. Wir kaufen sie. Wir setzen uns in die Wartehalle und tauschen die Heftchen aus. Eine knappe Viertelstunde bleibt uns, jeweils das Magazin der anderen durchzublättern, zu überfliegen, was uns interessiert, die Bildchen im Beisein der anderen zu kommentieren, so dass der Kommentar nicht ungehört verpufft und man sich blöd vorkommt, weil man mit sich selbst spricht. Es ist eine Viertelstunde, in der wir das Geschehen um uns herum nicht wahrnehmen. Es gibt nur uns beide und unsere zwei Magazine. Die Hektik der Reisenden, die Pöbeleien der Randständigen, das Gekicher der Teenies – alles verschwindet hinter dem dicken Schleier unserer persönlichen Idylle. Wir frönen unserem liebgewonnenen Ritual, das auch nach all den Jahren nicht zu einer unbedachten Gewohnheit geworden ist. Kurz bevor mein Zug und ihr Bus fährt, ereilt auch uns ein Anflug von Hektik. Heftchen austauschen, tschüss sagen. Bis zum nächsten Freitagabend.

Christine König