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Warum in Innerrhoden die Frauenbewegung kaum bewegt

Im Kanton Appenzell Innerrhoden wird es am heutigen Frauenstreiktag zu keinen speziellen Aktionen kommen. Grund sich zu wehren hätten die Innerrhoderinnen aber allemal. Gerade in der Politik scheinen Frauen ein schweres Los zu haben.
Claudio Weder
Sie hat an der Landsgemeinde 2018 Mut bewiesen: Jusstudentin Adriana Hörler kritisiert die Informationspolitik der Standeskommission vor versammeltem Stimmvolk. Bild: Rolf Rechsteiner (Appenzell, 29. April 2018)

Sie hat an der Landsgemeinde 2018 Mut bewiesen: Jusstudentin Adriana Hörler kritisiert die Informationspolitik der Standeskommission vor versammeltem Stimmvolk. Bild: Rolf Rechsteiner (Appenzell, 29. April 2018)

Am heutigen Frauenstreik werden Tausende von Teilnehmerinnen auf die Strasse gehen. In Innerrhoden hingegen scheinen die Frauen nicht in Streiklaune zu sein. Eine offizielle Kundgebung, wie etwa in Trogen, ist nicht geplant. Nicht einmal von der SP. Die Partei um Martin Pfister gibt in einer Medienmitteilung lediglich bekannt, dass sie die Forderungen des Frauenstreiks unterstütze, ruft darin jedoch nicht explizit zu einer Protestaktion oder dergleichen auf. Dabei hätten die Innerrhoder Frauen Grund genug, sich zu wehren.

Da ist zum einen die Tatsache, dass der Kanton Appenzell Innerrhoden bislang keine einzige Politikerin ins Bundesparlament gewählt hat. Auch auf kantonaler Ebene sind Frauen unterrepräsentiert: Frau Statthalter Antonia Fässler ist nach Ruth Metzler bislang erst die zweite Frau, die sich einen Sitz in der Standeskommission erkämpfen konnte. Hinzu kommt, dass sich bei den diesjährigen Ersatzwahlen für die Mitglieder der Standeskommission erneut keine Frau zur Verfügung stellte. Und auch im Hinblick auf die neue Zusammensetzung des Grossrats kann der Kanton Appenzell Innerrhoden – im Gegensatz zu Ausserrhoden – nicht wirklich von sich behaupten, sein Parlament sei eines der weiblichsten in der ganzen Schweiz.

Im Gegenteil: Nach den diesjährigen Gesamterneuerungswahlen im Mai, an denen es 13 von 50 Sitzen neu zu besetzen galt, verringerte sich die Zahl der Frauen im Grossrat von 14 auf 12. Mit einem Frauenanteil von 24 Prozent – 2018 waren es 28 Prozent – fällt Innerrhoden im Ostschweizer Vergleich auf Platz drei zurück. Es drängen sich Fragen auf: Warum haben es die Innerrhoder Frauen schwer in der Politik? Fehlt ihnen das Interesse? Oder stehen ihnen gar die Männer im Weg?

In Innerrhoden dauert’s länger

Die derzeit einzige Frau in der Standeskommission, Antonia Fässler, will sich nicht zu diesem Thema äussern. Genauso wenig Nina Schwendener, die letzte Präsidentin des 2015 aufgelösten Frauenforums Appenzell. Klare Worte findet hingegen Adriana Hörler. Die junge Jusstudentin hat an der Landsgemeinde 2018 für Aufsehen gesorgt, als sie vor versammeltem Stimmvolk die Informationspolitik der Standeskommission kritisierte. Sie hält angesichts der unverhältnismässigen Repräsentation des Volkes den niedrigen Frauenanteil im Grossrat für «nicht vertretbar».

Die Gründe für die mangelnde weibliche Vertretung im Kantonsparlament sieht sie auf gesellschaftlicher Ebene verankert: «Wie überall in der Schweiz hatten es auch in Innerrhoden die Frauen schwer, bevor sie in die Politik einsteigen konnten», sagt Hörler und verweist dabei auf die Tatsache, dass der Kanton der letzte war, der das Frauenstimmrecht 1990 eingeführt hatte – und dies wohlgemerkt erst, nachdem es ihm vom Bundesgericht aufgezwungen worden war.

«Innerrhoden ist ein traditionsorientierter, konservativer Kanton. Aus diesem Grund dauert es vielleicht immer ein bisschen länger, bis etwas ‹Neues› akzeptiert wird – wie auch bei der Einführung des Frauenstimmrechts.»

Mit den Frauen in der Politik werde es nicht anders sein. «Die Welt wird in Innerrhoden immer noch vorwiegend von Männern regiert», sagt Hörler. Damit sich dies ändert, müsse ein Umdenken stattfinden. «Die Frauen müssen ‹ihren eigenen Mann stehen›, denn sie sind einem politischen Amt ebenso gewachsen wie ein Mann, sie müssen es einfach auch wollen.» Ob man politisch interessiert ist und Repräsentation seiner Mitbürger sein will, hängt laut Hörler letztlich weder vom Alter, noch vom Geschlecht ab. Aus diesen Gründen begrüsse sie die Jugendbewegungen genauso stark wie die Frauenstreikbewegung.

Es fehlt der treibende Motor

Auch Grossratsvizepräsidentin Monika Rüegg Bless findet klare Worte. «So wie sich der Grossrat aktuell zusammensetzt, ist er kein Abbild der Bevölkerung. Das ist bedauerlich.» Gleichzeitig weiss sie, wie schwierig es ist, Frauen für ein politisches Amt zu motivieren. In dieser Hinsicht habe das Frauenforum Appenzell, dem sie von 2004 bis 2008 als Präsidentin vorstand, gute Dienste geleistet.

«Gerade wenn es darum geht, Frauen für politische Ämter aufzustellen, vermisse ich in Innerrhoden eine Institution wie das Frauenforum, die als ein treibender Motor wirkt.»

Wie schwierig es in Innerrhoden ist, Frauen für politische Ämter zu motivieren, weiss auch Grossrätin Angela Koller. «Als Präsidentin der Arbeitnehmervereinigung Appenzell (AVA) frage ich jeden Frühling viele Frauen für politische Ämter an», erzählt sie. Sie bekomme dabei vor allem zwei Gründe zu hören: «Zunächst stelle ich fest, dass Frauen in den Familien immer noch mehr tragen als ihre Männer. Männer können sich den Montag für den Grossen Rat meistens gut freischaufeln, wenn der Arbeitgeber das Amt unterstützt. Frauen tragen hingegen meistens die logistische Verantwortung in der Familie.»

Ebenso würden sich Frauen ein politisches Amt vielfach nicht zutrauen. Aus diesem Grund sei es wichtig, Frauen von Anfang an zu begleiten. «Wir haben bei der AVA letztes Jahr begonnen, die neuen Grossrätinnen und Grossräte besser ins Amt einzuführen und zu begleiten, damit sich die Frauen auch trauen, das Amt zu übernehmen.»

Grossrätin Lydia Hörler sieht im niedrigen Frauenanteil hingegen keinen Grund zur Beunruhigung. «Man muss dies differenzierter betrachten», sagt sie. Den Innerrhoderinnen politisches Desinteresse vorzuwerfen, wäre falsch: «Ich habe im Vorfeld der Wahlen mit mehreren jungen Frauen gesprochen und dabei deutliches Interesse wahrgenommen. Ich hoffe, dass sie sich in den nächsten Jahren für ein politisches Amt zur Verfügung stellen.» Hörler ist optimistisch: «Ich denke, dass die Tendenz des Frauenanteils in den kommenden Jahren wieder nach oben zeigen wird. Es ist nicht so, dass es Frauen in Appenzell schwerer haben als andernorts.»

Anekdote: Innerrhoder Frauen durften zuerst an die Urne

Auf kantonaler Ebene erhielten die Innerrhoderinnen erst 1990 das Wahl- und Stimmrecht – bei eidgenössischen Wahlen und Abstimmungen durften sie allerdings schon früher an die Urne. Wie ein Blick auf das Jahr 1971 zeigt, waren die Innerrhoderinnen sogar die ersten Frauen in der Schweiz, die an einer Nationalratswahl mitmachen durften. An der Volksabstimmung vom 7. Februar 1971 wurde das Frauenstimmrecht von einer Zwei-Drittel-Mehrheit (der Männer) angenommen. Dieses trat jedoch erst bei der Parlamentswahl vom 20. Oktober desselben Jahres in Kraft. Nicht so im Kanton Appenzell Innerrhoden. An der Landsgemeinde 1971 wurde Nationalrat Raymond Broger in den Ständerat gewählt. Das hiess: Innerrhoden war – wie auch aktuell wieder – ohne Nationalratssitz. Diese Vakanz war allerdings nur von kurzer Dauer. Am 6. Juni 1971 setzte der Kanton die Nachwahl zu den Nationalratswahlen an, bei welcher Arnold Koller das Rennen machte. Bei dieser Wahl durften erstmals auch die Innerrhoder Frauen ihr Votum abgeben. (wec)

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