Frauen in der Männerdomäne

Junge Männer entscheiden sich noch immer eher für technische Berufe als Frauen. Doch diese holen auf. So wie Anja Wüst und Angela Hungerbühler, die eine Lehre zur Elektronikerin bei der Metrohm AG in Herisau absolvieren.

Karin Erni
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Bild: KARIN ERNI

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HERISAU. Laut dem Bundesamt für Statistik gilt nach wie vor: Junge Männer sind in den technischen Berufen in der Überzahl. 75 Prozent der Frauen wählen noch immer einen typischen Frauenberuf. Es zieht sie eher in den kaufmännischen Bereich, in das Gesundheitswesen oder den Detailhandel.

Doch es gibt Ausnahmen. Zunehmend wagen sich junge Frauen auch in männertypische Bildungsfelder vor. So wie Anja Wüst und Angela Hungerbühler, die beide vor dem Abschluss des 2. Lehrjahres als Elektronikerin stehen. «Dieser Beruf eignet sich sehr gut für Frauen, denn er ist körperlich nicht besonders anstrengend», sagen beide übereinstimmend. Man müsse allerdings gute Leistungen in Mathe mitbringen und sich eine spezielle Denkweise aneignen. Die Ausbildung bei der Metrohm erleben sie als sehr umfassend und praxisorientiert. Das erste halbe Jahr hätten sie handwerklich gearbeitet und dabei fräsen, bohren und löten gelernt. «Das war wichtig, um die Produkte kennenzulernen und die Produktionsabläufe zu verstehen», sagt Anja Wüst. Danach begann die Arbeit im Prüffeld, wo die Apparate geprüft werden und ein grosser Teil der Lehre stattfindet. Zurzeit befinden sie sich gerade in einem überbetrieblichen Kurs für die Programmierung von Firmware.

Zu wenig Information

Bemerkenswert ist, dass beide jungen Frauen erst bei der Berufsberatung darauf aufmerksam wurden, dass für sie auch ein so genannter «Männerberuf» in Frage kommen könnte. «Bei der Berufswahl in der Schule wurden wir eher mit typischen Frauenberufen konfrontiert», sagen beide übereinstimmend. Anja fiel die Berufswahl leichter, da ihr Vater ebenfalls Elektroniker ist. Doch nicht alle haben diesen Vorteil. «Mein Vater ist Landwirt und die Mutter Floristin», lacht Angela Hungerbühler, «die kamen beide als Vorbilder nicht in Frage.» Sie habe einfach gewusst, dass sie keinen Pflegeberuf oder das KV machen wollte. Das entscheidende Erlebnis sei ein elektronisches Experiment mit Strom in der Schule gewesen. «Da hat es mich gepackt. Das hat mich interessiert.»

Keine Sonderbehandlung

Junge Frauen und Männer, die eine für ihr Geschlecht «untypische» Ausbildung wählen, müssen oft überdurchschnittliche Fähigkeiten und Stärken mitbringen, um Vorurteile überwinden zu können. Die beiden Frauen können dem nur bedingt zustimmen. «Ich hatte zwar gute, aber nicht überdurchschnittliche Noten», sagt Angela Hungerbühler. «Und im Betrieb erhalten wir keine Sonderbehandlung.» In der Berufsschule bilden sie eine Minderheit: Von insgesamt 39 Auszubildenden sind nur gerade fünf Frauen. «Da müssen wir uns schon die eine oder andere spitze Bemerkung anhören.» Auch bei der höheren Berufsbildung liegt der Frauenanteil tief: Die Fachhochschule für Technik in Rapperswil zum Beispiel weist bei den Studierenden einen Frauenanteil von gerade einmal acht Prozent auf. Die beiden Frauen können sich gut vorstellen, nach der Lehre zu studieren, am liebsten wäre ihnen eine Spezialisierung im Bereich Softwareentwicklung. «Das wäre cool, vor allem ein Studium im Ausland.» Beide absolvieren berufsbegleitend die BMS. Auch der Verbleib bei der Metrohm sei eine Option. «Die Firma hat Tochtergesellschaften in der ganzen Welt, da bieten sich sicher viele Möglichkeiten.»

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