Foto/Geschichten

Mit Fotos, Fotoalben und gedruckten Fotobüchern erzählen wir Geschichten. Die unseres Urlaubs, die unserer Hochzeit, die unserer Kinder – am Ende unsere ganze Lebensgeschichte. Warum, Toni Bürgin und Mäddel Fuchs? Wie gehen wir dabei vor? Und was sollten wir beachten, damit das Album am Ende einen Wert erhält?

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Toni Bürgin

Toni Bürgin

Mäddel Fuchs, wir sprechen über das klassische Fotoalbum und die immer häufiger benutzte Möglichkeit, online eigene Fotobücher zu gestalten. Welches sind die Funktionen solcher Alben und Bücher?

Mäddel Fuchs: In erster Linie geht es darum, dass da jemand seine eigenen Erfahrungen aufzeichnet. Sobald man sich näher damit auseinandersetzt, merkt man, dass dieses Festhalten eine Konsequenz hat: Ein Fotoalbum hat einen repräsentativen, zusammenhängenden Charakter. Wer einfach wild mit seinem Handy drauflos fotografiert und die Bilder per SMS verschickt, geht hingegen einen anderen Weg. Ein Album kann man völlig wirr, systemlos gestalten – ein solches wird man indessen sehr rasch einmal aus der Hand legen. Ein Album, das man selber gestaltet, ist immer ein Mittel der Kommunikation. Man macht es nicht für sich selber, sondern um es zu zeigen. Damit muss die Umwelt mit einbezogen werden. Wenn man den zweiten und dritten Betrachter nicht in die eigenen Gedankengänge mit einbezieht, findet das Album auch keinen Anklang; es bleibt im Gestell stehen, und sehr rasch vergeht es einem, solche Alben zu gestalten. Denn: Auch ein Internet-Album bedeutet einen grossen Arbeitsaufwand.

Wer ein Album gestaltet, wird zum Kurator in eigener Sache. Parallelen zu Ihrer Arbeit, Toni Bürgin?

Toni Bürgin: Der Unterschied zwischen persönlichem Album und öffentlicher Ausstellung ist der: Das erste ist nur für einen ausgewählten Kreis von Betrachtenden gedacht. Und es spielt auch eine persönliche Befriedigung mit, wenn man einen Teil, Ausschnitte aus dem eigenen Leben dokumentiert und damit präsentieren kann. Das Storyboard für eine Ausstellung geht weiter – es muss erstens systematisch sein, es muss wissenschaftlichen Kriterien standhalten; und wir müssen damit zweitens ein möglichst breites Zielpublikum erreichen. Besucherinnen und Besucher kommen ja aus eigenen Stücken in unser Museum.

Mäddel Fuchs: Du musst diese Museumsbesucher in den Bann des Gezeigten ziehen können. Es nützt nichts, eine unglaublich präzise Ausstellung zu zeigen...

Toni Bürgin: ...wenn sie keine Emotionen auslöst.

Mäddel Fuchs: Genau. Die Leute müssen stehen bleiben und halt auch einfach einmal einen Begleittext lesen. Das Gezeigte ist nur selten frei und schnell verfügbares «Vogelfutter»; darauf muss man hinweisen.

Muss man also in die Tiefe gehen?

Mäddel Fuchs: Nein. Man kann schon eine oberflächliche Ausstellung zeigen, die viele beeindruckt und die man in Windeseile durchgesehen hat. Und vielleicht wird dem Kurator dafür sogar auf die Schultern geklopft. Aber welches ist die Message, die man aussendet? Das persönliche Fotoalbum bringt den Vorteil mit sich, dass man es nur Bekannten zeigt und dass man sich auch Scherze erlauben kann.

Toni Bürgin: Wobei ich denke: So etwas braucht es auch im Museum – eine Ausstellung muss immer auch eine emotionale Wirkung erzielen. Eine gute Ausstellung funktioniert gleich wie ein gut gemachtes Fotoalbum nur, wenn die Betrachterinnen und Betrachter in einen Dialog mit Exponaten und Bildern treten können. Intelligente, gut lesbare Texte gehören aber ebenso dazu.

Im Museum ist der erste Schritt vor jedem Ausstellen überhaupt die Erstellung eines Katalogs.

Toni Bürgin: Ein Katalog ist zunächst leer – wie auch das Album am Anfang leer ist. Nach und nach füllt sich der Katalog – auf eine ganz trockene Art: Akribisch wird zusammengetragen, analysiert und beschrieben.

Mäddel Fuchs: Wer online ein Fotobuch zusammenstellt, ist hingegen völlig frei. Er kann damit rechnen, dass nur Freunde das Buch anschauen – eindeutig ein Bonus, die Kritik wird selbst im schlechtesten Fall nicht vernichtend ausfallen.

Wie gehen Sie, Mäddel Fuchs, bei der Erstellung eines Fotobands vor?

Mäddel Fuchs: Zunächst ist da die Frage nach der Aussage des Buches; dann folgt die Frage nach dem Ausgangsmaterial. Am Ende funktioniert ein Fotoband nur, wenn beides, Aussage und Material, miteinander übereinstimmen.

Ich begleitete vor ein paar Jahren eine Maturaklasse als Reiseführer nach Sevilla. Nach der Rückkehr luden sie mich als freundliche Geste zu einer Fotopräsentation ein: Mehr als eine Stunde lange zeigten die Schülerinnen und Schüler sämtliche Schnappschüsse, die sie mit ihren Handys gemacht hatten! Es war so katastrophal, dass mir leider der vernichtende Satz herausrutschte: «Ihr habt eine so schöne Reise gemacht und zeigt davon solche Bilder!»

Damit sind wir mitten im Thema: Was wollten die Maturandinnen und Maturanden denn zeigen?

Mäddel Fuchs: Das haben sie sich schlicht und einfach nicht überlegt. Sie schickten ihre Schnappschüsse einem Mitschüler, der stellte die Präsentation zusammen – ohne zuvor abzusprechen, ob er eine redigierende Funktion hat oder nicht. Er nahm einfach alles, was er erhielt.

Toni Bürgin: Dabei gehört das Weglassen mit zum Interessantesten am Album-Machen – das Wegwerfen und Weglassen. In der Ära der analogen Fotografie konnte der Fotograf von 1000 Dias vielleicht zehn wirklich verwenden. Der Rest landete im Papierkorb. Heute im digitalen Zeitalter beginnt die Selektion bereits auf dem Bildschirm der Kamera: Man löscht fortlaufend und erhält wieder Speicherkapazität. Die Relation zwischen Ausschuss und dem Material, das es ins Album schafft, also die Selektion, wird aber sehr oft vernachlässigt.

Wird denn vielfach gar nicht bewusst gesammelt?

Toni Bürgin: Für mich ist eine Digitalkamera ein modernes Notizbuch. Was ich früher kurz notierte, fotografiere ich heute. Manche machen das exzessiv. Dennoch glaube ich: Eine ernsthafte Auseinandersetzung findet so nicht statt.

Mäddel Fuchs: Im analogen Zeitalter war da auch der finanzielle Aspekt. Nur schon dieser hat einen zur Selektion gezwungen. Mittlerweile hat sich das verändert. Ein weiteres Beispiel: Während einer Ferienreise nach Kambodscha lernte ich einen russischen Touristen kennen, der innert zweieinhalb Stunden 500 Bilder von der Tempelanlage Angkor Wat geschossen hat. – Dabei kam er einfach nicht zum Schauen!

Toni Bürgin: Der hat die Anlage lediglich durch den Sucher in der Kamera gesehen.

Mäddel Fuchs: Der war gar nicht wirklich dort! Er geht aber offensichtlich davon aus: Je mehr Bilder er davon gemacht hat, desto besser seine Erinnerung daran.

Toni Bürgin: Oder aber davon, dass wenigstens ein brauchbares darunter ist.

Aber hat er Angkor Wat damit genauer dokumentiert?

Mäddel Fuchs: Er hat die Tempel nicht gesehen, nicht geschmeckt, nicht gerochen, nicht befühlt. Er hat davon lediglich eine Fülle von Bildern. Bei so viel Material weiss der Fotograf doch gar nicht mehr, welcher Tempel auf dem Bild ist und von welcher Seite her der Blick geht. Gleichzeitig glaubt er, dass niemand auf der Welt so gut über die Tempelanlage dokumentiert ist. Ein Trugschluss! Nicht die Zahl der Bilder ist entscheidend, sondern die Überlegungen zum Wie.

Toni Bürgin: Ein weiterer Aspekt ist die Wertschätzung jeder einzelnen Aufnahme. 1985 fuhr ich zum Tauchen ans Rote Meer. Damals gab es diese Nikonos – Unterwasserkameras. Man legte einen normalen Dia-Film ein: 36 Aufnahmen. Wir waren jeweils eine Stunde unter Wasser – und wussten genau: Wir können nicht mehr als diese 36 Bilder machen. Den Film unter Wasser zu wechseln, hätte ihn natürlich zerstört. Vor jedem Abdrücken, überlegte man es sich deshalb zweimal, schaute die Fische und Korallen ganz genau an. – Um einiges höher ist denn auch die Freude an den gelungenen Bildern.

Mäddel Fuchs: Wer vor 50 Jahren mit der Kamera raus ging, galt als passionierter Fotograf. Drei Viertel der Touristen damals haben überhaupt nicht fotografiert. Heute trägt jeder eine Kamera oder ein Handy auf sich. Von Sehenswürdigkeiten kann man heute ja gar keine Totale mehr aufnehmen ohne im Vordergrund Screens von anderer Leute Kameras zu haben. Jeder fotografiert – und damit hat die Fotografie ihre Besonderheit, ihre persönliche Einmaligkeit im wesentlichen eingebüsst.

Es bleibt am Ende die Frage: Was machen mit 5000, 10 000 Bildern vom Roten Meer oder Angkor Wat?

Toni Bürgin: Die Selektion nimmt einem niemand ab. Man muss das gezwungenermassen selber machen.

Mäddel Fuchs: Wenn man das nicht macht, hat man zwar die Bilder. Aber tel quel kann man die Bilderflut niemandem zumuten.

Toni Bürgin: Die Bilderflut! Der Auslöseknopf der Kamera wird heute inflationärer gedrückt.

Mäddel Fuchs: Man muss sich einen persönlichen Zugang zur Aussage des Bildes erarbeiten. Im Digitalen ist das ganz bestimmt viel schwieriger als im Analogen.

Sie selber, Mäddel Fuchs, fotografieren ausschliesslich analog?

Mäddel Fuchs: Das ist so. Und ich fotografiere fast nur schwarz-weiss. Um aber noch einmal auf die eingangs angesprochenen Fotobücher zurückzukommen: Die Qualität der Bücher ist ziemlich hoch, für nicht-professionelle Top-Ansprüche sogar sehr hoch. Und das unter dem Strich für billiges Geld. Nur: Wer früher Schuhkartons voller Dias rumstehen hatte, die niemand sehen wollte, kann neu einfach ein Gestell voller Fotobücher haben – die genauso niemanden interessieren.

Weil sie inhaltlich nicht durchdacht sind?

Mäddel Fuchs: Weil sie nicht auf eine Vermittlung aus sind. Was will ich vermitteln? Diese Frage ist zentral. Wer raus geht in der Absicht, ein Fotobuch zu einem beliebigen Thema zu gestalten, muss sich genau diese Frage stellen, die sich Toni Bürgin im Vorfeld einer Ausstellung machen muss und die auch ich mir am Anfang eines Buchprojekts machen muss.

Toni Bürgin: Es geht bei dir und bei mir darum, Besucherinnen und Lesern Eindrücke und Zusammenhänge zu vermitteln.

Was gilt für Sie als guter Weg der Vermittlung?

Toni Bürgin: Der Weg über die Authentizität. Man muss sich in ein Thema reinknien, es ausloten.

Mäddel Fuchs: Ich selber habe jahrelang für mein Archiv gearbeitet und entwickle erst daraus jeweils ein Thema. Dazu gehört aber eine gute Ordnung im Archiv.

Toni Bürgin: Die Selektion und dann das Ablegen in einem Archiv verlangen viel Disziplin.

Interview: Guido Berlinger-Bolt

Mäddel Fuchs

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