«Fort mit dieser Liste»

Der Toggenburger Anzeiger und der Toggenburger Bote beklagen die Vielzahl von Listen – sechs sind es – bei der Nationalratswahl 1935. Die politische Auseinandersetzung wird mit harten Bandagen ausgetragen. Im Toggenburg verlieren FDP und SP massiv Stimmen gegenüber 1931.

Martin Knoepfel
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Der «Toggenburger Bote» ruft dazu auf, die FDP-Liste einzulegen.

Der «Toggenburger Bote» ruft dazu auf, die FDP-Liste einzulegen.

TOGGENBURG. Vor rund 80 Jahren, am 27. Oktober 1935, finden ebenfalls Nationalratswahlen statt. Die Schweiz ist wie andere Länder von der Weltwirtschaftskrise stark betroffen. Zwar wird eine Volksinitiative für einen autoritären Umbau der Schweiz im September 1935 massiv verworfen. Die Zahl der Arbeitslosen übertrifft in der Krise jedoch während Jahren die Marke von 100 000 Personen, dies bei knapp 4,2 Millionen Einwohnern.

Sechs Listen wetteifern in dieser Situation im Kanton St. Gallen um die Gunst der Wähler und die damals 13 Nationalratssitze:

• die SP,

• die FDP / Jungliberalen,

• die Allgemeine Volksliste der Lohnsticker / Anhänger der Freigeldbewegung / Demokraten,

• die Liste der Konservativen Partei (heute CVP),

• die Unabhängige Liste von Gottlieb Duttweiler,

• die Liste der Bauernheimatbewegung / Jungbauern.

Die Ständeräte stehen am 27. Oktober nicht zur Wahl. Interessant ist nun, wie der Toggenburger Anzeiger, der Vorläufer dieser Zeitung, und der Toggenburger Bote aus Lichtensteig über diese Wahlen berichten. Etwas vorweg: Beide Zeitungen beklagen die politische Zersplitterung. Und unter den 1935 gewählten St. Galler Nationalräten ist kein Toggenburger.

Geltungsdrang als Antrieb?

In einem Artikel setzt sich der Toggenburger Anzeiger mit einzelnen Listen auseinander. Er kritisiert, dass die Konservativen Neuerungen im Voraus misstrauten und einseitig konfessionelle Sonderinteressen verfolgten. An der demokratischen Haltung der SP könne man zweifeln, denn diese habe sich noch kurz vorher gegen den bürgerlichen Staat und das Eigentum ausgesprochen. Zudem gehe die SP andernorts Listenverbindungen mit den Kommunisten ein.

Der Unabhängigen Liste wird vorgeworfen, dass ihr Spitzenkandidat, Gottlieb Duttweiler, in Zürich Steuern zahlt und ebenfalls als Nationalrat kandidiert. Offen sei, was geschehe, wenn Duttweiler in beiden Kantonen gewählt werde, was prompt geschieht. Die Allgemeine Volksliste wird als «Konglomerat unzufriedener Elemente» bezeichnet. Die Kandidaten hätten kein Programm. «Fort mit dieser Liste», steht im Toggenburger Anzeiger.

Der Toggenburger Bote spricht von Eigenbrötlern, welche ihr Geltungsdrang antreibe. Ein «unendliches Geltungsbedürfnis» vermutet der Redaktor auch bei Gottlieb Duttweiler. Die Liste der Jungbauern sei eine Gruppe älterer schimpfender Landwirte, sagt der Toggenburger Anzeiger. Man erweise ihnen einen Dienst, wenn man über ihre persönlichen Qualifikationen schweige. Der Toggenburger Bote schreibt, die Nationalratskandidaten der Jungbauern hätten noch nichts für den Staat geleistet. Die Zeitung beschuldigt den Anführer der Jungbauern, Nationalrat Hans Müller (BE), er habe sich in der letzten Session nur im Ratssaal gezeigt, um sich in die Präsenzliste einzutragen und das Taggeld zu erhalten. So habe er 48 Franken Stundenlohn erzielt. Das sind heute fast 350 Franken. Andere täten das zwar auch, hält die Zeitung etwas resigniert fest.

In einem weiteren Leitartikel stellt der Toggenburger Anzeiger alle Kandidaten der FDP einzeln kurz vor. Es seien Männer, die sich im öffentlichen Leben bewährt haben. (Frauen hatten damals weder Stimm- noch Wahlrecht.) Kurz vor der Wahl ist im Toggenburger Anzeiger die FDP-Liste abgedruckt mit dem Hinweis, sie könne ausgeschnitten und als gültiger Wahlzettel eingelegt werden. Der SP werfen die Zeitungen vor, der Sozialismus habe seine Versprechen noch nie gehalten. Wenn es anders wäre, gäbe es in sozialdemokratisch regierten Städten keine Not. Auch hätten SP-Stadträte in Genf und Zürich Löhne der städtischen Angestellten gekürzt, obwohl die SP Lohnabbau in der Privatwirtschaft verurteile. Der Toggenburger Bote wirft dem Zweitplazierten auf der Unabhängigen Liste vor, er sei ein Opportunist, da er für die EVP im Grossen Rat sitzt.

Resultate nach Gemeinden

Bei den Wahlen erleidet landesweit die BGB (heute SVP) massive Verluste. Die SP verteidigt ihre 50 Sitze und wird dank den Verlusten der FDP (49 Sitze, minus drei) stärkste Fraktion. Die Konservative Partei fällt auf 42 Sitze (minus zwei) zurück. Die Unabhängige Liste gewinnt sieben Sitze (plus sieben), davon einen in St. Gallen.

In St. Gallen verlieren die Konservativen (neu fünf Mandate) und die SP (neu zwei) je einen Sitz. Die FDP behauptet ihre vier Sitze. Die Unabhängige Liste und die Volksliste gewinnen je einen Sitz. Diese profitiert von der Listenverbindung mit den im Toggenburg starken Jungbauern, die selber leer ausgehen. Duttweiler nimmt die Wahl in St. Gallen nicht an. Kantonsrat Ulrich Eggenberger, der von der EVP zum Landesring wechselt, rückt nach. Drei amtierende Nationalräte, je einer der FDP, der Konservativen und der SP, werden abgewählt. Der Toggenburger Bote rechnet drei konservative Nationalräte dem äussersten rechten Flügel der Partei zu. Der Toggenburger Anzeiger publiziert fürs Toggenburg die nach Gemeinden aufgeschlüsselten Resultate. Die FDP fährt etwa in Wattwil und Nesslau Verluste im zweistelligen Prozentbereich ein. Das Gleiche passiert der SP etwa in Lichtensteig, Wattwil und Bütschwil. In Wattwil und Bütschwil überflügelt die Unabhängige Liste sogar die SP. Die Konservative Liste kommt im Toggenburg mit einem blauen Auge davon.

Der «Toggenburger Anzeiger» erschien 1935 in der Fraktura-Schrift. (Bilder: Martin Knoepfel)

Der «Toggenburger Anzeiger» erschien 1935 in der Fraktura-Schrift. (Bilder: Martin Knoepfel)

Gottlieb Duttweiler Migros-Direktor, 1935 im Kanton St. Gallen als Nationalrat gewählt. (Bild: pd)

Gottlieb Duttweiler Migros-Direktor, 1935 im Kanton St. Gallen als Nationalrat gewählt. (Bild: pd)

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