Foodporn mit Zvieriplättli

Vor einiger Zeit erhielt ich ein Mail, in welchem meine Mutter mich einlud, ihre Facebook-Freundin zu werden. An sich nichts Ungewöhnliches, doch damals war ich noch nicht Nutzerin von Facebook und hatte auch nicht vor, es zu werden.

Karin Erni
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Bild: Karin Erni

Bild: Karin Erni

Vor einiger Zeit erhielt ich ein Mail, in welchem meine Mutter mich einlud, ihre Facebook-Freundin zu werden. An sich nichts Ungewöhnliches, doch damals war ich noch nicht Nutzerin von Facebook und hatte auch nicht vor, es zu werden. In Anbetracht meines fortgeschrittenen Alters kann man sich unschwer vorstellen, wie fortgeschritten erst dasjenige meiner Mutter sein mag. Daher hielt ich die elektronische Nachricht für einen Scherz und verschob sie in die ewigen Jagdgründe des computereigenen Papierkorbes.

Doch etwa ein halbes Jahr später erreichte mich dieselbe Meldung noch einmal. Nun musste ich der Sache wirklich auf den Grund gehen. Ich griff zum Telefon und erkundigte mich bei meiner Mutter, ob sie tatsächlich…? Leicht verlegen kam es von der anderen Seite der Leitung. «Ja, weisst du, das ist ja eine ganz praktische Sache. Jetzt weiss ich immer, was meine Nichten und Neffen so machen.» «Aha. Und warum soll ich da jetzt auch beitreten?» In ihrem realen Freundeskreis (der übrigens ziemlich umfangreich ist) sei eben niemand bei Facebook und sie habe daher nur sehr wenige virtuelle Freunde und möchte gerne ein paar mehr haben. Meines Wissens ist die umgekehrte Variante heutzutage für viele Menschen das grössere Problem.

Irgendwie hat mein Stolz es dann doch nicht zugelassen, dass meine Mutter auf Facebook ist und ich nicht. Und so habe ich ein Profil eröffnet. Nun weiss ich ebenfalls, was die Nichten und Neffen meiner Mutter, also meine Basen und Vettern so Spannendes treiben. Ich betrachte stundenlang Fotos von gluschtigen Zvieriplättli, werde mit Lebensweisheiten eingedeckt und fünfmal pro Tag zu einem pseudowissenschaftlichen Persönlichkeitstest eingeladen. Und manchmal wünsche ich mir die Zeit zurück, als ich noch nicht bei Facebook war. Damals wusste ich nicht immer so genau, was meine Freunde und Bekannten gerade treiben. Deshalb war es ab und zu nötig, zum Telefonhörer zu greifen, um wieder auf dem neusten Stand zu sein – oder gemeinsam ein Zvieriplättli zu geniessen.