Fleisch aus artgerechter Haltung

Auf Toggenburger Alpen werden vermehrt Mutterkühe gehalten. Der Ennetbühler Alfred Wickli stellte vor fünf Jahren endgültig auf diese Art der Rindviehhaltung um. Heute produziert er hochwertiges Rindfleisch. Trotz Nachteilen habe sich der Wechsel für ihn gelohnt, sagt der Bauer.

Jesko Calderara
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TOGGENBURG. Immer mehr Bauern stellen auf die Mutterkuhhaltung um. Dies zeigen die Zahlen des Interessenvereins Mutterkuh Schweiz. Danach werden bereits 12 Prozent der Rinder ausschliesslich zur Produktion von Fleisch gehalten. Bei dieser Art der Rindviehhaltung bleiben die Kälber sowohl im Stall als auf der Weide bis zur ihrer Schlachtung immer mit den Müttern zusammen.

Ein Landwirt, der über mehrere Jahre Erfahrung auf diesem Gebiet verfügt, ist der Ennetbühler Alfred Wickli. Seit 15 Jahren setzt er zusammen mit seiner Frau Trudy auf der Alp Ober Gössigen auf die Mutterkuhhaltung, anfangs in Kombination mit der traditionellen Milchwirtschaft. «Ein Kollege hat mich damals angefragt, ob ich auch Mutterkühe auf die Alp mitnehme.» Bei Alfred Wicklis Entscheid spielte dagegen der Milchpreis eine untergeordneten Rolle, da dieser damals noch relativ stabil gewesen sei. Endgültig umgestellt hat er vor fünf Jahren, seit diesem Zeitpunkt werden seine 26 Muttertiere nicht mehr gemolken. Sogar die Milch für den Eigengebrauch kaufen sie ein.

Artgerechte Haltung

Für die Mutterkuhhaltung eignen sich je nach Standort verschiedene Rassen. Zurzeit sind in der Schweiz 28 Fleischrinderrassen angesiedelt, die sich durch eine optimale Fleischleistung auszeichnen. In seiner Herde befinden sich Braunvieh und Simmentaler, sagt Alfred Wickli. «Weil auf der Alp Ober Gössigen noch kräftiges Gras wächst, würden andere Rinder zu viel Fett ansetzen.» Viele seiner Tiere seien jedoch eingekreuzte Rassen. «Wir bieten heute hochwertiges Rindfleisch an», erklärt der Landwirt. Verkauft werden die Produkte unter dem Label «Natura-Beef», einem Markenprogramm von Mutterkuh Schweiz. Die Kälber zusammen mit ihren Müttern aufzuziehen, sei eine natürliche und artgerechte Haltung, führt Alfred Wickli aus. Nur mit Muttermilch, Grünfutter und Heu werde so Rindfleisch produziert. Auf Kraftfutter verzichte er gänzlich, sagt der Ennetbühler Landwirt. «Es passt zudem zur neuen Philosophie der Agrarpolitik, die auf mehr Ökologie und Tierschutz abzielt.» Den Schritt, weg von der Milchwirtschaft, hätten sie nie bereut, ergänzt Ehefrau Trudy. «Für uns passt es so wie es ist.» Vor allem ihre Lebensqualität sei gestiegen. «Wir sind zeitlich in der Gestaltung unseres Alltags flexibler geworden.» Während sie früher jeweils zu einem fixen Zeitpunkt die Milch abliefern mussten, könnten sie ihre Aufgaben nun freier einteilen. Jedoch verursache die Mutterkuhhaltung nicht weniger Arbeit, wie oft behauptet werde, so das Ehepaar Wickli. «Aus unserer eigenen Erfahrung können wir dies nicht bestätigen.» Die Tätigkeiten hätten sich vielmehr verändert. Während Melken weggefallen sei, müssten sie mit der Mutterkuhhaltung intensiver ihre Tiere pflegen.

Weniger Direktzahlungen

Der Abschied von der Milchwirtschaft brachte für Alfred Wickli verschiedene Änderungen mit sich. Seine wirtschaftliche Bilanz fällt dabei eher durchzogen aus. Heute verdienen sie etwa gleich viel wie früher mit der Milchwirtschaft, sagen Trudy und Alfred Wickli. Besonders in der Anfangsphase seien dagegen die Investitionen, welche das Label vorschreibe, nicht zu unterschätzen. «Wir mussten etwa einen Laufstall bauen lassen», sagt der Bauer.

Ein grosser Nachteil besteht in den politischen Rahmenbedingungen, etwa in der Art und Weise, wie Direktzahlungen entrichtet werden. Deren Höhe richtet sich unter anderem nach dem Faktor Grossvieheinheit (GVE), einer Masszahl zum Vergleich von Nutztieren. Während eine Milchkuh einer Einheit entspricht, sind es bei der Mutterkuh nur 0,8. «Hier müsste eine Gleichbehandlung mit den Milchbauern bestehen», bemängelt Alfred Wickli, der zusammen mit seiner Frau 18,5 Hektaren in Ennetbühl und die 20 Hektar grosse, seit Jahrzehnten in Familienbesitz befindliche, Alp Ober Gössigen bewirtschaftet.

Steigendes Interesse

Der Markt für Rindfleisch hingegen entwickelt sich erfreulich. «Die Nachfrage nach Natura-Beef ist hoch», erklärt Alfred Wickli. Durch das Label lassen sich zudem höhere Preise erzielen. Erreichen die Kälber nach 10 Monaten ein Lebendgewicht von 400 bis 500 Kilogramm, werden sie geschlachtet. Abnehmer des Fleisches ist die Neu St. Johanner Metzgerei Scheiwiller. «Dadurch entfallen weite Anreisewege», sagt der Bauer. Dieser Aspekt gehöre ebenso zu einer tiergerechten Haltung.

Genaue Zahlen zur Mutterkuhhaltung im Toggenburg sind keine verfügbar. Der Anteil dürfte leicht unter dem Schweizer Durchschnitt liegen, schätzt Andreas Widmer, Geschäftsführer des St. Galler Bauernverbandes. Aufgrund des tiefen Milchpreises überlegten sich jedoch mehr Milchbauern den Umstieg.

«Der Aufwand und Ertrag stimmt bei vielen von ihnen nicht mehr», erläutert Andreas Widmer. Eine Mutterkuhhaltung sei eine Alternative, eigne sich jedoch nicht an allen Standorten in der Region. «Zudem benötigt ein Landwirt zur Existenzsicherung mehr Tiere als zur Milchproduktion.»