Fesselnde Fischchen

Neulich verbrachte ich die Mittagspause auf Drei Weieren in St. Gallen. Mein Arbeitskollege wollte mir einen riesigen Hecht zeigen, der angeblich im Buebeweier lebt. Er war nicht zu Hause.

Michael Genova
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Appenzeller Verlag (Bild: Michael Genova)

Appenzeller Verlag (Bild: Michael Genova)

Neulich verbrachte ich die Mittagspause auf Drei Weieren in St. Gallen. Mein Arbeitskollege wollte mir einen riesigen Hecht zeigen, der angeblich im Buebeweier lebt. Er war nicht zu Hause. Stattdessen beobachteten wir die kleinen Fische, die sich beim Bootssteg im Wasser tummelten. Wir assen Peking-Ente und Szechuan-Poulet und waren wie hypnotisiert: Zwar versuchten wir unsere Unterhaltung noch fortzusetzen, doch die Ablenkung war zu gross. «Das ist wie Baustellen-Gucken in der Kindheit», sagte mein Kollege. Genau so war es.

Als Kind konnte ich stundenlang den Arbeitern auf der Baustelle bei ihrer Arbeit zuschauen. Mich faszinierte, wie sie aus Frischbeton die Wände, Böden und Decken der Mehrfamilienhäuser im Quartier gossen. Ich fragte mich immer, was es mit dem schwarzen Schlauch auf sich hatte, den die Arbeiter in den noch flüssigen Beton tauchten. Mein grösster Traum damals war es, einen Lastwagen mit Anhänger genauso flink wie die Chauffeure rückwärts parkieren zu können.

Auf der Rückfahrt wunderte ich mich darüber, dass viele Kindheitserinnerungen kaum verblassen. Sie sind zwar im Alltag nicht immer anwesend, schlummern aber stets abrufbereit unter der Oberfläche der Gegenwart. «Die Entfernung des Ich zur Kindheit ist auch im Alter immer die gleiche», schrieb der kürzlich verstorbene deutsche Journalist Frank Schirrmacher in einem Nachruf auf den Schriftsteller Ottfried Preussler. Dieser habe wie jeder grosse Kinderbuchautor mit seinen Geschichten einen Kreis um das Ich gelegt. Es genüge, die Figuren aus seinen Kinderbüchern aufzurufen und man sei wieder da, wo man einst in den Kreis trat. Ottfried Preussler gelang dies mit Klassikern wie dem «Räuber Hotzenplotz», der «Kleinen Hexe» oder dem «Kleinen Gespenst».

Noch heute bin ich auf der Suche nach der Magie, die von den Figuren Preusslers ausging. Vor dem Einschlafen lese ich immer einige Seiten aus einem Roman – das entspannt mich. Neuerdings ertappe ich mich aber dabei, wie ich vor dem Lichterlöschen mein Smartphone zücke und mir das Video eines Fischschwarms anschaue.

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