Fern oder nah?

Brosmete

Silvia Fritsche
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Sommer, die Hitze flimmert auf dem Asphalt. Der Motor des Autos brummt gleichmässig, der Fuss drückt ordentlich aufs Gaspedal. Der etwas in die Jahre gekommene Minivan brettert mit maximal zulässigem Tempo über den Highway, der sich in schnurgerader Linie am Horizont verliert, gen Süden. Die Klimaanlage funktioniert nicht mehr, die Fensterscheiben sind heruntergekurbelt und die Haare flattern im Fahrtwind. Country-Legende Alan Jackson dröhnt aus den Lautsprechern, die so laut sind, dass sie knapp an einem Kollaps vorbeikommen. In der Lautstärke geht der eigene, jämmerlich falsche Gesang unter und man könnte fast meinen, man könne wirklich singen. Die Finger trommeln den Rhythmus auf dem Steuerrad mit und das Fahrzeug holpert im Takt. Endlose Getreidefelder ziehen am Fenster vorbei. Dann und wann keucht ein Truck entgegen. Friede und Freiheit.

Allmählich verändert sich die Landschaft und die Felder werden grüner, Bäume säumen den Highway, Anwesen stehen dichter. Und plötzlich wird der Highway bunt: überdimensionierte Plakatwände in buntesten Farben stehen eins nach dem anderen am Strassenrand. Ein Werbespruch jagt den nächsten, bevorstehende Partys werden angepriesen und Veranstaltungen angekündigt. Der Gast wird angelockt und um Besucher geworben und gebuhlt.

Hach, wie doch mit diesen Vorstellungen das Reisefieber geweckt wird und die Ferne ungemein lockt! Doch immer kann dem Wunsch nach Reisen nicht nachgegeben werden. So wirke ich dem Begehren entgegen und stille die Reiselust damit, indem ich mit meinem Auto in den Nachbarkanton tuckere. Dort ist die Einfahrt zum Dorf im inneren Land ganz ähnlich wie im fernen Amerika – bunt, markant, abwechslungsreich und vielfältig. Fehlen nur noch die innovativen Blinklichter und LED-Wände.

Silvia Fritsche