Feriengruss aus dem Thurgau

Einmal im Jahr hüte ich für ein paar Tage das Haus meines Bruders am Bodensee.

Esther Ferrari
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Bild: Esther Ferrari

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Einmal im Jahr hüte ich für ein paar Tage das Haus meines Bruders am Bodensee. Meine Aufgabe besteht darin, ein paar Blumen zu giessen und für zwei liebenswürdige alte Katzen zu sorgen, die ausser ein paar Streicheleinheiten nichts von mir verlangen als einen vollen Futtertopf. Schnurrend bedanken sich die beiden rothaarigen Schwergewichtler und pflegen darauf wie ich das Nichtstun. Daheim bin ich immer auf Trab. In dem fremden Haushalt – ich wünschte manchmal, bei mir wäre auch alles so ordentlich wie hier – bin ich nie in Zeitnot. Ich treffe mich mit alten Bekannten, die im Umkreis wohnen, oder gehe auf schönen Wanderwegen dem See entlang oder spaziere in den nahen Wäldern. Meine Schwägerin hat mich vor Abreise der Ferien gebeten, jeweils am Morgen vom kleinen Bäumchen im Garten die Maikäfer abzulesen. Heuer sei ein Maikäferjahr. Mich kribbelt es wohlig beim Gedanken an Maikäfer. Im Primarschulalter hatte ich dank ihnen mein bestes Sackgeld verdient. Vor Tagesanbruch, ehe sie zu fliegen begannen, schüttelte ich sie mit meinen Brüdern von den Bäumen. Wir hatten Blachen ausgelegt, sammelten die Käfer mit blossen Händen und warfen sie in grosse Kübel. Daheim wurden sie mit kochendem Wasser übergossen. Mir taten die Tierchen leid. Zu meinem Trost waren sie sofort tot. Am Abend brachten wir sie dann auf dem Handwagen an die Sammelstelle, und Ende der Woche wurden wir mit einem silbernen Fünfliber bezahlt! Gerne hätte ich wieder einmal Maikäfer gesehen. Vielleicht aber ist es noch zu kalt. Oder gibt es infolge Insektiziden nicht mehr so viele wie damals? Am Waldrand entdecke ich ganze Flächen von Brennnesseln. «Nesseln in Rotwein gesotten gibt Kraft und macht zur Liebe feurig», soll ein Feldherr der Antike geschrieben haben. Während ich überlege, ob ich das Rezept ausprobieren soll, entdecke ich gleich neben dem Weg ein vierblättriges Kleeblatt. Ich pflücke es mit Freuden. Da lacht mir ein weiteres entgegen, noch eines und noch eines. Der ganze Platz ist voll mit vierblättrigem Klee. Kaum zu glauben! Hoffentlich werde ich nicht vom Glück erschlagen.

Bild: Esther Ferrari

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