Feeling wie an einem Open Air

Zwei «Oben ohne»-Männer und ein Kollege im blauen T-Shirt lassen sich beim Marsch vom Parkplatz durch die imposante Zeltstadt des Eidgenössischen Turnfests in Biel im ersten Moment nicht genau einordnen.

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Die Weitspringer aus Ebnat-Kappel haben dank ihrem Fähnrich die Grube nicht verfehlt... (Bild: Urs Huwyler)

Die Weitspringer aus Ebnat-Kappel haben dank ihrem Fähnrich die Grube nicht verfehlt... (Bild: Urs Huwyler)

Zwei «Oben ohne»-Männer und ein Kollege im blauen T-Shirt lassen sich beim Marsch vom Parkplatz durch die imposante Zeltstadt des Eidgenössischen Turnfests in Biel im ersten Moment nicht genau einordnen. Sie könnten zu jener Helfer-Equipe gehören, die nach dem verheerenden Sturm das Areal aufräumt und mit ihrem bewundernswerten Einsatz dafür sorgt, dass es zu keinem vorzeitigen bitteren Ende des «Eidgenössischen» kommt und das Programm nahezu reibungslos durchgezogen werden kann. Aber es handelt sich um keine Heinzelmännchen, sondern drei Wattwiler auf Materialsuche.

Sie dürfen für ihre vom Winde zerstörten Zelte im grossflächigen «Abbruchgebiet» das herausholen, was ihnen beim Wiederaufbau der temporären Zweitwohnung nützen könnte. «Es war brutal, was am Donnerstagabend abging. Das grosse Zelt knickte in der Mitte ein und die Balken flogen durch die Luft», ist bei den drei Suchenden aus dem Osten zu hören. An eine vorzeitige Heimreise denken sie dennoch nicht. Zumal sie mit und bei den Haken und Ösen fündig werden. Am Sonntagmorgen um acht Uhr tritt der TSV Wattwil Aktive nochmals an und absolviert jene Disziplinen (Pendelstafette / Schulstufenbarren), die vom Sturme verweht worden sind. Vom Abbruch betroffen waren auch Lichtensteig und Wildhaus.

Kampfrichterin auf der Flucht

Zehn Fussminuten entfernt bereiten sich auf dem Gelände in Ipsach die leichtathletisch veranlagten Ebnat-Kappler nach dem gladiatorenhaften Einzug mit Riesen-Sonnenschirm und fahrbarer Schuh-Musikkiste auf den Weitsprung vor.

Als Unterstützung für die Clubkollegen muss sich der Fähnrich auf Bahn fünf zum Gaudi der zuschauenden passiven Aktiven als Anhaltspunkt in die Mitte der Sprunggrube stellen. Die Rechnung der weltweit einzigartigen Taktik geht auf: Keiner der (Dorf)Olympiakandidaten verfehlt die rund 30 Meter breite Grube und keiner springt den ausgesetzten Fahnenschwinger um.

Ein jugendlicher Funktionär bemerkt scharfäugig, dass es sich um eine frauenlose Gruppe handle. Was grundsätzlich weniger Probleme gebe. Die männerlosen Vereinskolleginnen absolvieren gleichzeitig in ihren grünen Trikots zum Abschluss des dreiteiligen sportlichen Programms sprintend die 80m-Pendelstafette.

Chefin Petra Hollenstein amtete am Sturm-Donnerstag als Kampfrichterin und musste die Flucht ergreifen. «Obwohl es nur etwa zehn Minuten gewesen sein dürften, kam es mir wie eine halbe Stunde vor. Wir hatten Glück», weiss die Präsidentin, die, wie alle auf dem Areal, Panik und Angst durchlebte.

Bahnhof-Atmosphäre

Nachmittags wandert die Schar aus Nesslau und Krummenau auf dem Bahnhof Biel ein. Dort herrscht seit Stunden jene Atmosphäre, von der Benützer des öffentlichen Verkehrs sonst selten schwärmen. Der DJ scheint inzwischen am Breitensport Open Air das wichtigste Vereinsmitglied zu sein. Von links und rechts, hinten und vorne dröhnt «Bum Bum» durch die Gegend. Zwei ältere Zeitgenossen beobachten das Treiben der coolen Freaks etwas ungläubig vor einem riesigen Stapel Zeitungsbeilagen, in die niemand einen Blick wirft. Auch das von Heim und Hof literweise bereits im Körper oder in den Dosen mitgeschleppte Bier sorgt bei der Sommerwärme nicht nur für sonnige Gemüter.

Die zivilisierten und doch aufgestellten Nesskrummlauer verdienen sich eine Sondernote. Erstens warten sie intelligenterweise vor der Sonne geschützt im Schatten der Bahn-Unterführung, bis Oberturner Michael Louis und die Leiter-Crew die administrativ-organisatorischen Aufgaben erfüllt haben. Zweitens erwecken sie den Eindruck von Sportlerinnen und Sportlern. Und drittens werden sie trotzdem wahrgenommen. Auf die Frage, ob er im ganzen Turner-Kuchen die Nesslauer irgendwo gesehen habe, antwortet ein Jung-Erwachsener verschmitzt lächelnd: «Sie stehen dort hinten.» Vielleicht sind ihm (auch abends beim Turn-Fest) die modischen Sonnenbrillen der mit Rang zwölf auch sportlich überzeugenden Toggenburger/innen aufgefallen.

Urs Huwyler

Auszug aus den Ranglisten Vereinswettkampf Vereinswettkampf. Aktive. 3teilig. 2. Stärkeklasse: 25. St. Peterzell 26.51. – 3. Stärkeklasse: 64. Wattwil 26.14. – 4. Stärkeklasse: 57. Bütschwil 27.17. 115. Oberhelfenschwil 26.18. 180. Nesslau-Krummenau 25.23. 322. Brunnadern 22.34. – 5. Stärkeklasse: 12. Nesslau-Krummenau Aktive 27.79. 179. Ebnat-Kappel DTV Aktive 23.69. 192. Ebnat-Kappel TV Aktive 23.28. Frauen/Männer. 3teilig. 2. Stärkeklasse: 17. Wattwil 26.61. – 3. Stärkeklasse: 15. Oberhelfenschwil 28.26. 111. Nesslau-Krummenau 23.61. – 4. Stärkeklasse: 29. Mogelsberg 27.95. 36. Dicken 27.70. 64. Brunnadern 26.82. 162. Wildhaus 24.20. 163. Ebnat-Kappel 24.03. 1teilig (Fachtest): 29. Mogelsberg 4.70.

Die Wattwiler suchen nach dem Sturm intakte Zeltteile für den Wiederaufbau. (Bild: Urs Huwyler)

Die Wattwiler suchen nach dem Sturm intakte Zeltteile für den Wiederaufbau. (Bild: Urs Huwyler)

Die Nesslauerinnen haben in jeder Beziehung einen überzeugenden Eindruck hinterlassen. (Bild: Urs Huwyler)

Die Nesslauerinnen haben in jeder Beziehung einen überzeugenden Eindruck hinterlassen. (Bild: Urs Huwyler)

Geschafft: Die Ebnat-Kappler Damenriege hat den Wettkampf erfolgreich beendet. (Bild: Urs Huwyler)

Geschafft: Die Ebnat-Kappler Damenriege hat den Wettkampf erfolgreich beendet. (Bild: Urs Huwyler)