Faszination des Ungewohnten

Stark beachtetes Karfreitagskonzert im Pfarreizentrum Bendlehn mit der schweizerischen Erstaufführung von Fréderic Fischers Segelflugsinfonie.

Martin Hüsler
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Fréderic Fischer meisterte den mit technischen Schwierigkeiten reichlich gespickten Klavierpart in souveräner Manier. (Bild: Themenbild: key)

Fréderic Fischer meisterte den mit technischen Schwierigkeiten reichlich gespickten Klavierpart in souveräner Manier. (Bild: Themenbild: key)

Speicher. Zeitgenössische Musik hat es nicht leicht. Sich mit ihr auseinanderzusetzen, kommt nahezu einem Wagnis gleich. Eine zahlenmässig höchst beachtliche Zuhörerschaft hat sich am Karfreitag im Pfarreizentrum Bendlehn auf dieses Wagnis eingelassen und mit Fischers Segelflugsinfonie ein Werk kennengelernt, das sowohl auf dem Podium als auch im Publikumsrund hohe Ansprüche stellte.

Bizarre Klangwelt

Die dreisätzig angelegte «Sinfonia del volo a vela con ode a Pavullo e a Teichfuss» von Fréderic Fischer aus einer tiefen Verbundenheit zur Segelfliegerei heraus komponiert, entführte die Konzertbesucherinnen und -besucher in eine von grosser Eigenwilligkeit geprägte, ja, mitunter bizarr anmutende Klangwelt. Den mit technischen Schwierigkeiten reichlich gespickten Klavierpart meisterte Fréderic Fischer am Flügel in absolut souveräner Manier. Das Collegium vocale Frisingae, ein zehnköpfiges Ensemble aus Freising bei München, gab ihm die adäquate stimmliche Ergänzung, wobei es in den beiden Ecksätzen der Sinfonie vokalisierend in Erscheinung trat. Und Ewald Reder führte mit Umsicht durch die anspruchsvolle programmatische Komposition.

Trefflich umgesetzt

In den mit «Gewittersegelflug» überschriebenen ersten Satz liess Fischer alles einfliessen, was dem schwerelos scheinenden Unterwegssein in den Lüften durch einen Wetterumsturz zum Verhängnis werden könnte. Fulminante Klangkaskaden evozierten Bilder, die Schlimmstes hätten befürchten lassen können. Doch das von Donner und stürmischen Winden arg geschüttelte Flugobjekt gelangt wieder in ruhigere Zonen und landet – musikalisch trefflich umgesetzt – schliesslich sachte und sanft.

Der darauffolgende Bolero mit der in Italienisch wiedergegebenen Ode an Pavullo, einen in Segelfliegerkreisen legendären Ort in der Emilia Romagna, forderte die Interpretierenden gleichfalls in ganz erheblicher Weise. In diesem Satz lässt Fischer das Geschehen lange nicht zur Ruhe kommen, indem er den musikalischen Faden immer wieder aufnimmt und fortspinnt. Der dritte Satz («Flug in den hellen Tag hinaus ins leuchtende Meer») ist als Reverenz an Antoine de Saint-Exupéry konzipiert und erinnert an dessen Flug in den Tod im Juli 1944. In seiner überaus hörfälligen Sanftheit vermochte dieser Satz regelrecht zu entrücken und vermittelte einen Eindruck von jener Flugsehnsucht, wie sie auch dem Komponisten selber alles andere als fremd ist.

Wüstengesang

Den Konzertabend hatte mit dem Wüstengesang eine weitere schweizerische Erstaufführung eröffnet. Regula Fischer (Sopran) und Werner Meier (Violine) ergänzten hier das Collegium vocale. Fréderic Fischer widmete dieses Werk, das mit seinen flirrenden Sequenzen des Klaviers die Weite und Einsamkeit der Wüste sehr eindrücklich erstehen lässt, dem Speicherer Pfarrer Josef Manser, der aus eigenem Erleben eine grosse Affinität zur Wüste hat.

Langanhaltender Applaus belohnte die Ausführenden und war Ausdruck dafür, dass auch Ungewohntes anzuregen, ja, zu faszinieren vermag.