Fastenzeit ist Erdbeerzeit

Brosmete

Karin Erni
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«Saisonal und regional», das hat sich heute bald jeder bessere Dorfspunten aufs Schild geschrieben. Auch die Lebensmittelläden übertrumpfen sich gegenseitig mit schönen Bildli von glücklichen Hühnern aus dem Appenzellerland, rotbackigen Äpfeln aus dem Thurgau und knackigen Rüebli von Rheintaler Feldern. Die Realität sieht allerdings anders aus. Kaum ist am Aschermittwoch das letzte Fasnachtschüechli zum halben Preis verramscht, überkommen die Händler die Frühlingsgefühle. Auch wenn draussen noch ein halber Meter Schnee liegt, werden Erd- und andere Beeren in sperrigen Kilogebinden aufgetürmt. Die Früchte stammen aus südlichen Gefilden und werden zu Schleuderpreisen angeboten. Wer selber einen Garten bewirtschaftet, weiss, saisonal wächst in unseren Breitengraden so gut wie nichts um diese Jahreszeit. Und auch die Wintergemüse wie Kraut und Rüben wären längst welk und schrumplig, würden sie nicht in Lagerhäusern unter streng kontrollierten Bedingungen am Leben erhalten. Bei unseren Vorfahren galt noch: Wer sich im Herbst keinen Vorrat an Geräuchtem und Eingemachtem angelegt hatte, der musste im Frühling schmal durch. So ist wohl auch die Fastenzeit bei uns entstanden.

Fastenzeit beim Grossverteiler dagegen bedeutet, dass mitten im Laden ein Turm von babylonischen Ausmassen aufgebaut wird. Darauf sind Osterhasen in allen Grössen und Formen akkurat aufgereiht. Wie preussische Soldaten stehen sie in Achtungsstellung im Gestell und warten darauf, gekauft zu werden. Doch genau das tut niemand. Wer möchte schon wochenlang einen solchen Schoggihasen zu Hause herumstehen haben? Der Run auf die süssen Langohren setzt erfahrungsgemäss erst in der Karwoche ein. Dann stürzt sich, wer nicht über den Gotthard geflüchtet ist, auf die Hasenpracht. Nach Ostern stehen ein paar verschmähte Tierchen dann zum halben Preis da, gleich neben den ersten Bikinis.

Karin Erni