FASTEN: Durch Verzicht zum Glück

Essen ist in unserer Überflussgesellschaft immer und überall erhältlich. Wie fühlt es sich an, für eine gewisse Zeit auf Gewohntes und Liebgewonnenes zu verzichten? Ein Selbstversuch.

Karin Erni
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Karin Erni

karin.erni@appenzellerzeitung.ch

Auch wenn der kleine, widerspenstige Kanton Appenzell Ausserrhoden mit seinen Gidio-Leckerli und Bacheschnitten die Tatsache nicht wahrhaben will: In weiten Teilen des christlichen Abendlandes ist gestern die Fastenzeit angebrochen. Die vierzig Tage zwischen Aschermittwoch und Karsamstag sollen die Christenheit an Jesus’ vierzigtägigen Aufenthalt in der Wüste erinnern: Der Gottessohn fastete dort alleine und musste den Lockungen des Teufels widerstehen. Und Lockungen gibt es auch fast 2000 Jahre später auf dieser Welt noch mehr als genug. Sie kommen zwar nicht mehr gerade vom Teufel höchstpersönlich, sondern lauern an jeder Ecke in Form von leiblichen Genüssen aus Konditoreien, Metzgereien und Brauereien. Auch die Werbung trägt das ihre zur Verführung des schwachen menschlichen Fleisches bei.

Überangebot an Nahrungsmitteln

Während in früheren Zeiten die Lebensmittelvorräte gegen den Frühling hin zur Neige gingen und die Menschen dadurch oftmals gezwungenermassen fasten mussten, ist hierzulande in der heutigen Überflussgesellschaft Essen an 365 Tagen rund um die Uhr erhältlich. Auf dieses Angebot ist unser Körper nicht vorbereitet. Er bleibt unbeirrt im Sparmodus und nimmt, was er bekommt. Mit den bekannten Folgen wie Übergewicht und ernährungsbedingten Krankheiten. Wenn der Körper nicht von sich aus auf die Kalorienaufnahme verzichten will, muss der Geist nachhelfen. Bewusster Verzicht oder eben Fasten heisst das Gebot der Stunde. Die Regeln sind mannigfaltig. In der katholischen Kirche sollten Gläubige, die zwischen 14 und 60 Jahre alt sind, während der Fastenzeit auf Fleisch, Alkohol, Süssigkeiten, Rauchen oder auch andere Genüsse verzichten. Im Mittelalter waren zusätzlich Fett, Eier und milchhaltige Produkte verboten. Heute kommen «schlechte» Gewohnheiten wie Autofahren, Fernsehen, Handygebrauch oder Computerspiele dazu. Der freiwillige Nahrungsentzug wirke nicht nur verjüngend und regenerierend, sondern mache auch glücklich, ist im Internet zu lesen. Keine neue Erkenntnis. «Glück ist die Fähigkeit zum Verzicht», das wusste schon der römische Philosoph Seneca.

Der Zuckerentzug als Selbstversuch

Ein bisschen Leiden muss wohl sein, damit sich das rechte Glücksgefühl am Ende der Fastenzeit einstellt. Am schwersten würde mir persönlich wohl der Verzicht auf Handy und Computer fallen. Doch das ist unrealistisch, denn beides sind für uns Journalisten Arbeitsinstrumente und sieben Wochen Ferien liegen im Moment nicht drin. Fleischverzicht ist ebenfalls keine Option, denn ich esse ohnehin kaum noch welches. Aber als Ex-Raucherin überfällt mich immer mal wieder die Lust auf Süsses. Also entscheide ich mich für Zuckerverzicht. Kein leichtes Unterfangen, denn das süsse weisse Pulver ist überall dran und drin. In den meisten industriell hergestellten Nahrungsmitteln wie Bouillon Ketchup oder Pommes-Chips dient Zucker der Geschmacksverstärkung. Und er ist nicht leicht zu entdecken, denn er verbirgt sich in der Zutatenliste unter harmlosen Namen wie Saccharose, Dextrose, Glucose, Lactose, Maltose oder Maltodextrin. In früheren Zeiten war Zucker noch ein kostbares Genussmittel, das nur adeligen und wohlhabenden Leuten zur Verfügung stand. Heute ist das Gegenteil der Fall. Zucker ist sehr billig und wird entsprechend gern eingesetzt. Während um das Jahr 1850 noch weniger als ein Kilogramm Zucker pro Person konsumiert wurde, isst jeder von uns heute durchschnittlich 36 Kilo Zucker pro Jahr.

Meine Motivation zu fasten ist zugegebenermassen eher weltlicher Natur: Der bewegungsarme Winter hat auf meinen Hüften seine Spuren hinterlassen. Als dann letzte Woche vorübergehend der Frühling ausbrach, beschloss ich, mich aufs Velo zu schwingen. Doch das Überziehen der Velo­klamotten vom letzten Jahr gestaltete sich wenig erfreulich. Als ich mich ächzend in die hautengen Beinkleider hineinquälte, beschloss ich, etwas gegen den Winterspeck zu unternehmen. Mein persönliches Fasten-Glücksgefühl wäre also schon perfekt, wenn die Velohose nach diesen 40 Tagen etwas weniger zwicken würde.

Hinweis

Bis Ostern berichtet Redaktorin Karin Erni in loser Folge über ihre Erfahrungen mit dem vorösterlichen Zuckerentzug.