«Fascht e Familie»

Das Alterswohnheim Dreilinden ist ein privat betriebenes Unternehmen. An vorderster Front steht täglich der Inhaber Max Rüber. Im Gegensatz zu öffentlichen Institutionen ist er in vielen Entscheidungen frei. Diesen Spielraum nützt er und verleiht seinem älteren Haus besonderen Charme.

Monika Egli
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Kakadu, 54jährig, auf dem Arm von Heimbetreiber Max Rüber, 67jährig, der nächstens wegen einer Operation…

Kakadu, 54jährig, auf dem Arm von Heimbetreiber Max Rüber, 67jährig, der nächstens wegen einer Operation…

HERISAU. Wer als neuer Bewohner ins private Alters- und Pflegeheim Dreilinden einzieht, der erhält zuerst einmal sehr viel Zeit, um sich an die veränderte Lebensweise zu gewöhnen. Erst dann folgt eine Art Eintrittsgespräch, aber nicht in der Situation, dass der Bewohner der Heim- und Pflegedienstleitung gegenübersitzt und sich vorkommen muss wie in die Zange genommen. «Solche Gespräche fördern nicht zu Tage, was der Bewohner braucht und wie er sich fühlt. Er sagt dann nur, was man hören will, um möglichst schnell aus dem <Verhör> herauszukommen.» Stattdessen spannt Max Rüber die Pferde ein und unternimmt mit dem Bewohner eine Kutschenfahrt. «Jemand von der Pflege ist auch dabei, ich aber bin der Kutscher und sitze mit dem Rücken zum Bewohner, ich werfe nur ab und zu eine Bemerkung ein. Diese Kutschenfahrten öffnen jedem das Herz.»

Freie Preisgestaltung

Das Alterswohnheim Dreilinden ist eines von nur wenigen privaten Pflegeheimen im Kanton. Seit bald 30 Jahren gehört es Max Rüber. Es liegt idyllisch und mit prächtiger Aussicht am Höhenweg ob Herisau und bietet Platz für 25 Bewohnerinnen und Bewohner. Max Rüber hat das Haus in diesen Jahrzehnten geprägt, sowohl baulich wie auch mit seiner Philosophie. Das «Dreilinden» figuriert auf der Pflegeheimliste des Kantons; zahlreiche gesetzliche Vorgaben müssen wie in jedem anderen Heim umgesetzt werden. Im Gegensatz zu öffentlichen Heimen allerdings «können, vor allem aber dürfen wir mehr Leistung erbringen». Das gilt in erster Linie für Max Rüber selber, der froh ist, für sich keine Stundenrapporte führen zu müssen. «Ich habe viel Spielraum und freie Hand.» Das heisst allerdings auch, dass er das volle Risiko selber trägt. «Dafür muss ich bei meinen Entscheidungen keine Kommission anfragen, die den Antrag bearbeiten und absegnen muss. Das macht die Entscheidungswege kurz, was ich als grossen Vorteil empfinde.» So hat Max Rüber auch die vom Kanton vorgegebenen, zum Teil happigen Preisaufschläge für die Betreuung, die der Bewohner berappen muss, nicht alle mitgemacht. Statt 26 Franken pro Tag in der Besa-Stufe 0 versucht er es mit nur vier Franken. «Das sind die Freiheiten, die ich geniesse.»

Mit Hund, Katze und Hühnern

Zur familiären Atmosphäre im «Dreilinden» tragen natürlich auch die 18 zum grössten Teil langjährigen Mitarbeitenden wesentlich bei. Zusätzlich sind es die kleinen Besonderheiten, die den Charme des Hauses ausmachen. So darf, wer hier einzieht, zum Beispiel auch sein Haustier mitnehmen. Dessen Pflege obliegt dem Besitzer; dieser kann aber jederzeit um Hilfe nachsuchen. Momentan leben hier zwei Katzen und ein Hund. Als er das Haus noch nicht lange betrieb, sei einmal ein Knecht mit drei Hühnern unter den Armen angekommen, erzählt Max Rüber. «Auch diese durften bleiben.» Noch heute leben Hühner in einem Gehege, direkt neben einer Volière mit einem 54jährigen Kakadu, einem Fasan und zwei Sittichen. Auf dem grosszügigen Umschwung stehen zudem fünf Hochbeete. «Die gehören gewissermassen den Bewohnerinnen und Bewohnern. Wer will, kann eines davon in Beschlag nehmen und bepflanzen, womit er mag.» Ein Grundsatz im «Dreilinden» ist: Alles geschieht ohne Zwang. Das gilt auch für Hausarbeiten wie Mithilfe in der Küche.

Neue Cafeteria

Neuste Errungenschaft ist die kürzlich eröffnete Cafeteria. Mittags und abends dient der freundlich eingerichtete Raum als Speisesaal, am Nachmittag aber ist die Cafeteria öffentlich zugänglich. Das Gebäude mag, weil es ein altes Haus ist, bauliche Nachteile haben. So sind die Korridore eher schmal, die Zimmer unterschiedlich gross, da und dort knarrt der Boden… Es ist aber weit von jeglicher Spitalatmosphäre entfernt, ist vielmehr ein Zuhause, in dem man sich begegnen, aber auch ausweichen kann. Man spürt: Hier herrscht ein guter Geist, niemand muss sich als Nummer oder Kostenfaktor fühlen.

«Loslassen gehört dazu»

Max Rüber lehnt die modernen, öffentlichen Pflegeheime keineswegs ab. Er findet: «Es braucht alle, denn es soll für jeden, der vor dem Eintritt ins Altersheim steht, Alternativen geben.» Er selber ist 67jährig und wird sich («das dauert aber noch») mittelfristig um eine Nachfolge kümmern müssen. Er will sein mit viel Idealismus aufgebautes Lebenswerk dannzumal verkaufen und «loslassen, ein Prozess, der zum Älterwerden gehört».

&hellip;von seinem Freund aus alten Tagen, Alfred Gnägi, ebenfalls Heim- leiter, während mehrerer Wochen vertreten wird.

…von seinem Freund aus alten Tagen, Alfred Gnägi, ebenfalls Heim- leiter, während mehrerer Wochen vertreten wird.

Gemütliche Runde beim Dessert, das in die Nachmittagsstunden verschoben wurde, damit es wieder Platz hat im Magen.

Gemütliche Runde beim Dessert, das in die Nachmittagsstunden verschoben wurde, damit es wieder Platz hat im Magen.

Katze Knurrli, 15jährig.

Katze Knurrli, 15jährig.

Hier entsteht eine Dekoration.

Hier entsteht eine Dekoration.

Küchenmitarbeiter Naga.

Küchenmitarbeiter Naga.

Bewohnerin Ida Holderegger.

Bewohnerin Ida Holderegger.

Seit Anfang Jahr gibt es im Alterswohnheim Dreilinden eine Cafeteria, die am Nachmittag öffentlich zugänglich ist. (Bilder: Monika Egli)

Seit Anfang Jahr gibt es im Alterswohnheim Dreilinden eine Cafeteria, die am Nachmittag öffentlich zugänglich ist. (Bilder: Monika Egli)

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