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Farshad Lak: «Ich habe nicht gelebt»

BÜHLER. Farshad Lak hat zwei Wünsche. Der «kleinere» ist dieser: Er wünscht sich eine Nacht voll Schlaf und ohne Stress. Lak wurde im Iran misshandelt, floh über die Türkei nach Europa und strandete in der Schweiz. Die sagt Nein zu seinem Asylantrag – und setzt ihn auf Nothilfe.
Guido Berlinger-Bolt
Farshad Lak vor seinem vorübergehenden Zuhause: Vom Iran aus über die Türkei und Italien nach Kanada – gestrandet in der Schweiz. (Bild: gbe)

Farshad Lak vor seinem vorübergehenden Zuhause: Vom Iran aus über die Türkei und Italien nach Kanada – gestrandet in der Schweiz. (Bild: gbe)

Es sind zwei Welten, die in diesem engen Zimmer an der Hauptstrasse zusammenfallen. Die Millionenstadt Teheran und das kleine, verregnete Bühler. Da sind die Erinnerungen an die Misshandlungen in seiner Heimat – Farshad Laks Rücken spricht mehr als tausend Worte. Die Flucht, sagt der 25-Jährige, sei seine einzige Chance gewesen: «Wäre ich im Iran geblieben, würde ich jetzt nicht mehr leben.» Und da ist die permanent drohende Ausschaffung aus der Schweiz – wegen dieser Drohung findet Lak keinen Schlaf mehr in der Nacht. «Mein Traum? – Eine Nacht durchschlafen ohne Stress», sagt er deshalb. Es ist sein kleiner Traum. Einen grossen Traum hat er auch. Doch dazu später.

Flucht – aber wohin?

Farshad Lak, 25 Jahre alt, Flüchtling. Sein Asylantrag in der Schweiz wurde abgelehnt, seine Rekurse abgewiesen. «Sie müssen die Schweiz verlassen», bedeutet ihm das Land. Doch er weiss nicht in welche Richtung: Zurück in den Iran kann er jedenfalls nicht.

Sein Vater kam vor einigen Jahren bei einem mysteriösen Autounfall ums Leben; die Umstände wurden nie geklärt. Lak erzählt in seiner ruhig Art – jedoch nicht ohne Rührung – von mehreren Übergriffen einer Bande auf die Mittelstandsfamilie. Als dann sein älterer Bruder plötzlich verschwand, bat die Mutter ihren zweiten Sohn, das Land zu verlassen. Zuvor hatte Farshad Lak fast pausenlos gearbeitet: tagsüber als Teppichhändler, des nachts als Chauffeur eines Sammeltaxis auf Überlandstrassen. Das Geld dieser Arbeit wurde zum Fluchtgeld, zusammen mit dem Erlös, den die Mutter aus dem Verkauf des Familienhauses löste. Farshad Laks Ziel hiess Kanada.

Dann kam der Tag des Abschieds. Farshad Laks Stimme wird für einen Moment brüchig: «Es war sehr schwer: Meine Mutter und ich wussten, dass wir einander möglicherweise nie wieder sehen würden.» Die Flucht führte Farshad Lak über die Türkei und Griechenland nach Italien. Der junge Mann erzählt von dem irrwitzig kleinen Boot, mit dem er und zwanzig weitere Flüchtlinge in einer Nacht die europäische Aussengrenze in der Ägäis überquerten. Zweimal sei das Boot gekentert und alle Insassen ins Wasser gefallen. «Mit der Hilfe Gottes überlebten wir alle», ist Farshad Lak überzeugt. Nächte auf Strassen, in Wäldern, am Rand von Schlepperpfaden – und Nächte in Gefängnissen. Lak weiss noch heute, vier Jahre nach der Flucht, in welchem Dorf und in welcher Stadt er wie viele Tage und Nächte verbrachte; die Fluchtroute, eingebrannt in seinem Gedächtnis. Mit einem falschen italienischen Pass gelangte er nach Monaten nach Rom – von dort sollte der Flug über Zürich nach Kanada gehen. In Zürich jedoch verhaftete ihn die Polizei wegen des gefälschten Passes. Endstation. Hier nun getraute sich Farshad Lak, politisches Asyl zu beantragen; im Frühling 2009 kam er ins Asylbewerberzentrum von Kreuzlingen.

Asylantrag: Abgelehnt

Im Dezember dann die Mitteilung: Asylantrag abgelehnt. Farshad Lak tauchte sofort unter; während zwei Wintermonaten lebte er auf der Strasse in St. Gallen. Unterstützung erhielt er vom Solidaritätsnetz Ostschweiz und vom Hilfswerk Heks. Letzteres beriet ihn insbesondere in Rechtsfragen: Farshad Lak legte Berufung ein; doch auch seine Rekursanträge wurden sämtliche abgelehnt. Er habe sich in der Schilderung seiner Misshandlungen im Iran mehrmals widersprochen, sagt Lak zur Begründung.

Kleiner und grosser Traum

Seit einem Jahr nun lebt Farshad Lak in Bühler. Und von der Nothilfe: acht Franken pro Tag; das kleine Zimmer an der Hauptstrasse wird ihm zur Verfügung gestellt. Er darf das Appenzeller Mittelland nicht verlassen – auch nicht zum Einkaufen im konkurrenzlos günstigen Caritas-Laden in St. Gallen. Und auch nicht für den Besuch von Weiterbildungskursen oder des Solidaritätsnetzes Ostschweiz. Wie stellt sich Farshad Lak seine Zukunft vor? «Ich bin nicht faul», sagt er bestimmt. «Ich möchte auch arbeiten können, wie die jungen Schweizer in meinem Alter...» Farshad Lak stockt. «Ich habe nicht gelebt.» Trost in dieser schwierigen Situation biete ihm das Christentum; in der Schweiz ist er konvertiert. Trost gibt ihm auch das Denken an seine Mutter, mit der er hin und wieder kurz telefoniert. Ach ja, Farshad Laks Träume: ruhig schlafen können lautet der «kleine»; der grosse: Er möchte seine Mutter wiedersehen.

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