Exportfirmen wirtschaften am Limit

TOGGENBURG. Nachdem der erste Schock nach der Aufhebung des Euromindestkurses ein wenig abgeflaut ist, überlegen sich viele Toggenburger Exportfirmen, wie es jetzt weitergehen soll. Eins ist klar: Viel Spielraum, um sich möglichst unbeschadet aus der Situation zu retten, gibt es nicht.

Urs M. Hemm
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Noch zum Mindestkurs von 1.20 Franken eingekauftes Material muss verbaut, aber das Endprodukt bis zu 13 Prozent günstiger verkauft werden. (Bild: Urs M. Hemm)

Noch zum Mindestkurs von 1.20 Franken eingekauftes Material muss verbaut, aber das Endprodukt bis zu 13 Prozent günstiger verkauft werden. (Bild: Urs M. Hemm)

Am 15. Januar dieses Jahres fing für viele Toggenburger Firmen eine neue Zeitrechnung an. Die Schweizerische Nationalbank (SNB) hob quasi über Nacht den Euromindestkurs von 1.20 Franken auf. In der Folge fiel der Kurs zeitweise sogar unter 1 Franken, mittlerweile hat sich der Franken gegenüber dem Euro aber auf knapp 1.07 Franken eingependelt. Dennoch bedeutet es für die Exportindustrie, dass ihre in der Schweiz produzierten Güter von einem Tag auf den anderen etwa 13 Prozent an Wert verloren haben. Diesem Umstand können sich auch die im Toggenburg ansässigen Firmen nicht entziehen.

Bereits Bestellungsrückgang

Für Stefan Jud, Geschäftsführer der Cekatec AG in Wattwil, kam der Entscheid der SNB völlig überraschend. Alle, der Präsident der SNB und die Spezialisten der Banken, hätten stets beteuert, am Euro-Mindestkurs festzuhalten. «Wir rechneten daher im schlechtesten Fall mit einer stufenweisen Absenkung des Wechselkurses, aber nie mit diesem Fall ins Leere», sagt er. Je nach Modell exportiert die Cekatec, beziehungsweise deren Kunden, zwischen 50 und 80 Prozent ihrer Elektrowerkzeuge und Küchenmaschinen in den Euro-, respektive Dollarraum. Wegen der faktischen Verteuerung der Cekatec-Produkte hätten daher bereits verschiedene Kunden angekündigt, ihre Bestellungen anzupassen, was heisst, zu reduzieren. Diese vagen Signale seitens der Kunden stelle die Cekatec, zusätzlich zum Währungsverlust, vor ein weiteres Problem. «Einige Teile oder Baugruppen für die Produktion müssen wir bis zu neun Monate im Voraus bestellen. Wollen wir also auf alle Szenarien vorbereitet sein, besteht die Gefahr eines Überlagers.» Angesichts der Alternative, nämlich den Kunden zu verlieren, weil sein Auftrag wegen fehlenden Materials nicht ausgeführt werden kann, sei dieses finanzielle Risiko noch eher tragbar. Dennoch sei es ein Risiko, welches zusätzlich zum Währungsverlust irgendwie abgedeckt werden müsse. Wichtig sei daher, zuerst das Gespräch mit den Lieferanten zu suchen und über Preise zu verhandeln. «Mehr als eins bis fünf Prozent liegen aber kaum drin», weiss Stefan Jud aus Erfahrung, und er weiss zudem, dass das nicht ausreichen wird. Deshalb sind weitere Schritte nötig.

«Bereits während der letzten Jahre haben wir unsere Kostenstruktur stetig optimiert, so dass wir nun Massnahmen ergreifen müssen, die im besten Fall ein erhebliches Ausmass an Zusatzaufwand und Einschränkungen für das gesamte Kader, aber auch für die gut 60 Mitarbeiter bedeuten können», sagt Stefan Jud. Als Sofortmassnahmen bereits beschlossen sind beispielsweise ein Einstellungsstop, der Abbau von Überstunden sowie eine Reduktion des Anteils der Firma von 60 auf 50 Prozent bei der beruflichen Vorsorgeversicherung. Zudem sei der Antrag auf Kurzarbeit in Vorbereitung. Einsparungen sollen ebenfalls durch die Streichung sämtlicher Firmenanlässe und die Reduktion der Reise- und Bewirtungskosten erreicht werden. Überprüft wird, ob eine Reduktion der Mietfläche durch eine weitere Optimierung der Produktionsabläufe möglich ist sowie sämtliche IT, Versicherungen sowie der Bereich Marketing und Sponsoring.

Der verbleibende Spielraum sei sehr klein, sagt Jud. Dass der Kurs noch weiter fallen könnte, daran wolle er gar nicht denken. Denn dann käme wohl auch die Cekatec um weitere drastische Massnahmen nicht herum.

Differenz nicht einforderbar

Schwer getroffen hat es auch die Egli AG in Bütschwil, die Anlagen, Maschinen und Behälter für Industrie- und Forschungsbetriebe entwickelt, herstellt, installiert und unterhält. «Wir haben im Januar und gerade erst kürzlich wegen des starken Frankens zwei Aufträge verloren, die zusammen einen Vierteljahresumsatz ausmachen», sagt Geschäftsführer Rudenz Egli. Mit solchen Auswirkungen hätte die SNB rechnen können, weshalb ihn der Entscheid völlig überrascht habe. Denn eigentlich nehme er die SNB, zusammen mit dem Bundesrat, als transparenteste und vernünftigste staatliche Organisation wahr. Neben verloren gegangenen Aufträgen machten ihm aber auch bereits abgeschlossene Verträge aus dem vergangenen Jahr Kummer. «Die derzeitige Preisdifferenz von 13 Prozent können wir bei niemandem einfordern, auf der bleiben wir sitzen», sagt Egli. Schwierig einzuschätzen sind die Produktionskosten bei der Egli AG. «Diese sind sehr schwankend, je nachdem, ob ganze Anlagen mit hohem Zulieferanteil oder ob Einzelmaschinen mit einer hohen Anzahl von Produktionsschritten verkauft werden», sagt Egli. Das meiste Material beziehe er in der Schweiz, teils in Euro, teils in Schweizer Franken, wobei der Kurs jedoch vielfach angepasst worden sei.

Konkrete Massnahmen wurden bisher noch keine getroffen. «Wir werden uns aber diese Woche mit unseren Mitarbeitern zusammensetzen müssen und über angemessene Schritte reden.» Klar ist: Bei der Marge gibt es keinen Spielraum mehr. «Die haben wir gegenüber unseren Mitbewerbern mehr als aufgebraucht», sagt Rudenz Egli.

Wie bereits in dieser Zeitung berichtet, vereinbarte die Geschäftsleitung der Ebnat-Kappler Scheu AG, die in der Kunststoffverarbeitung und der Herstellung von Spritzwerkzeugen tätig ist, bereits im Januar zusammen mit ihren Mitarbeitern ein Drei-Punkte-Programm, um der neuen Marktsituation entgegentreten zu können. Dieses beinhaltet einerseits die Steigerung der Effizienz eines jeden einzelnen in seinem Arbeitsbereich sowie eine Arbeitszeitverlängerung von einer halben Stunde pro Tag. «Sollte der Euro-Frankenkurs Ende April bei 1:1 stehen, müssen wir als dritte Massnahme eine Lohnsenkung von fünf Prozent in Betracht ziehen», sagte Inhaber und Geschäftsführer René Scheu damals. Denn in der derzeitigen Situation mache die Firma monatlich einen Verlust von rund 30 000 Franken, wodurch ohne geeignete Massnahmen das Unternehmen in absehbarer Zeit Konkurs gehen würde. Diese Massnahmen gelten vorerst für ein halbes Jahr.

«Nicht in Panik verfallen»

Natürlich sei der SNB-Entscheid vom ersten Tag an ein Thema in der Firma gewesen. «Doch es wäre falsch, jetzt in Panik zu verfallen, auch wenn die Nachricht ziemlich überraschend gekommen ist», sagt Karl Bollhalder, Verwaltungsratsmitglied der Technowood GmbH in Alt St. Johann. Ihr Exportanteil sei sehr unterschiedlich, er könne jedoch bis zu 100 Prozent betragen. Die Hauptkonkurrenten der Herstellerin von Präzisionsmaschinen für den Holzbau sitzen vor allem in Deutschland und Italien.

Der jetzige Schnitt gehe durch die gesamte Wertschöpfungskette hindurch. Das heisst, dass sie zuerst das Gespräch mit ihren Lieferanten suchen müssten, um zu guten Lösungen zu kommen. «In dieser Situation muss jeder seinen Teil dazu beitragen», sagt Bollhalder. In zwei Bereichen jedoch werde er keine Abstriche dulden. «Das Wichtigste ist, dass wir weiterhin unsere Qualität hochhalten. Dies erreichen wir aber nur mit einem guten, motivierten Team, weswegen wir an unseren Mitarbeitern sicher festhalten werden.» Auch Lohnkürzungen kommen für Karl Bollhalder nicht in Frage, denn es sei so schon schwierig genug, Spezialisten ins Toggenburg zu holen. Diese brauche er aber nicht nur für die Entwicklung und Produktion. Die Kunden vertrauten auch nach dem Kauf einer Maschine auf hochwertigen Service, der nur durch ausgewiesene Fachleute qualitativ gewährleistet werden könne. «So müssen wir wohl unsere Zielsetzungen in anderen Bereichen entsprechend anpassen.»

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