Experimentierlust und Mantras

alt st. Johann. «Om tare tutare ture soha» – nicht ein Lied, nicht eine Rede, sondern das tibetische Mantra der grünen Tara eröffnete das Sonntagskonzert. Gesungen hatte es die Tibet-Schweizerin Dechen Shak-Dagsay.

Michael Hug
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alt st. Johann. «Om tare tutare ture soha» – nicht ein Lied, nicht eine Rede, sondern das tibetische Mantra der grünen Tara eröffnete das Sonntagskonzert. Gesungen hatte es die Tibet-Schweizerin Dechen Shak-Dagsay. Das Mantra der Tara soll, so die Interpretin, Gefahren auf dem Weg zur Weisheit fernhalten. Doch die Kraft eines Mantras liegt nicht darin, es vorgetragen zu bekommen.

Shak-Dagsay nahm sich die Zeit, es den Zuschauenden zu vermitteln, die Bedeutung zu erklären und sie schliesslich zum Mitsingen zu bewegen. Das gemeinsame Singen hatte zudem den Effekt, dass sich 400 Zuschauende, bewusst oder unbewusst, auf das Konzert einstimmen konnten.

Gefühlswelten und Frauenklang

Derart abgeholt, folgte eine Reise durch Gefühlswelten, in denen sich zurechtzufinden nicht einfach war.

Regula Curti und Dechen Shak-Dagsay fusionierten unter stetem Drehen einer Klangmühle christliche und buddhistische Gebete, darunter den Auftakt des Toggenburger Alpsegens. Dann trat die seit Jahrzehnten erste Frauenjodelgruppe der Region auf die Bühne: Frauenklang. Fünf Jodlerinnen hatten unter der Leitung von Peter Roth zusammengefunden und sich speziell für das Festival vorbereitet. Die Stimmung in der Kirche drehte von meditativer Spannung auf lockere Fröhlichkeit.

Roth hatte für seine fünf Frauen uralte «Ratzliedli» – neckische Lieder junger Frauen – ausgegraben, was im von Frauen dominierten Publikum alleweil gut ankam. Der Auftritt von Maryam Akhondy und ihrer fünf Begleiterinnen liess die Stimmung noch weiter steigen. Akhondy führte mit Liedern aus ihrer Heimat Iran das Publikum charmant aus der lockeren Beschaulichkeit.

Wacklige Grenzgänge

Mit Lisette Spinnler und ihrem Pianisten Christoph Stiefel drehte der Wind. Die Jazzsängerin machte mit nonverbalen Improvisationen zwischen sinnentleerter Experimentierlust und sinnsuchendem Kleinkindgebrabbel der Kontemplation den Garaus. Damit hatten die Zuschauenden und -hörenden einer Spannungsüberleitung zu folgen, der symptomatisch ist für das Naturstimmenfestival: Auf der Bühne soll ausgelotet werden, was mit der menschlichen Stimme möglich ist.

Um herauszufinden, was nicht mehr möglich ist oder nur noch mit technischer Unterstützung möglich gemacht werden kann, müssen Grenzen zuweilen überschritten werden. Der neue Programmchef des Naturstimmenfestivals (siehe Kasten) spannt den Bogen weit und zeigte mit dem Frauensonntag in extremis auf, dass er wacklige Grenzgänge nicht scheut.

Elektronische Verstärkung

Schon am Freitag war ein Computer im Einsatz und sowohl Martin O. (am Freitag) wie Nino G. (am Mittwoch) bedienten sich der elektronischen Verstärkung, um ihrer Stimme Gehör zu verschaffen. Doch noch nie war bis anhin die Bühne am Naturstimmenfestival derart mit bereitstehenden Musikinstrumenten belegt: Klavier, Akkordeon, Klangmühle, Kontrabass und diverse Perkussionsinstrumente warteten auf ihren Gebrauch.

Noch selten machte das Mikrophon derart oft die Runde. Offensichtlich kommen grenzgängerische Naturklänge nicht mehr ohne technische Hilfe aus und ebenso scheinen bestimmte Gesänge ohne instrumentale Unterstützung keine Wirkung mehr zu erzeugen. Bei Lisette Spinnler wurde der Bogen für einige im Publikum überspannt, sie verliessen vorzeitig das Konzert.