Experiment
«In meinem Atelier roch es wie in einer Molkerei»: Der Teufner Künstler Thomas Stüssi über seinen beinahe erfolgreichen Versuch, aus Milch Kunststoff herzustellen

Mit Hilfe von Youtubevideos und der Doktorarbeit eines syrischen Diplomingenieurs wollte der Teufner Künstler Thomas Stüssi aus Milch Kunststoff herstellen. Doch es klappte nicht ganz so gut, wie er es sich vorgestellt hatte. Die Dokumentation seines Experiments ist Teil der aktuellen Liner-Ausstellung in der Kunsthalle Ziegelhütte in Appenzell.

Claudio Weder
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Thomas Stüssi vor seinem «Experimentierfeld» in der Kunsthalle Ziegelhütte in Appenzell.

Thomas Stüssi vor seinem «Experimentierfeld» in der Kunsthalle Ziegelhütte in Appenzell.

Bild: Claudio Weder (Appenzell, 24. August 2021)

Der Appenzeller Carl August Liner war nicht nur einer der bekanntesten Landschaftsmaler in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, sondern auch Erfinder. Er erfand eine Zahnstocherbürste, eine Insektenfangbox, hygienisches Schuhwerk und eine Motor-Kleinmähmaschine. Auch hatte er die Vision eines Stausees in Weissbad.

Für den Teufner Künstler Thomas Stüssi war Liner aber mehr ein Patentbeanträger als ein wirklicher Erfinder. «Er hatte gute Ideen, doch den eigentlichen Problemen ging er aus dem Weg. Er liess seine Ideen oft einfach nur patentieren und versuchte damit Geld zu machen.»

Für die Realisierung einer Isolationsplatte aus Milchkunststoff etwa wandte sich Liner an eine Basler Spezialfirma. Eine weitere Erfindung – ein gefedertes Wagenrad – wollte er dem amerikanischen Automobilpionier Henry Ford verkaufen.

Die 15 Patente, die Liner ab 1918 in Bern anmeldete, sind aktuell in der Kunsthalle Ziegelhütte in Appenzell ausgestellt. In die Ausstellung integriert ist, als eine Art Gegenpol zu Liner, eine Intervention von Thomas Stüssi. Der 43-Jährige hat das gemacht, was Liner nie gemacht hat: Es selbst versucht. Stüssi hat experimentiert. Sein Ziel: Aus Appenzeller Milch Kunststoff herzustellen und damit eines von Liners gefederten Wagenrädern nachzubauen.

Herstellung ähnlich wie Käse

Kunststoff aus Milch herzustellen, war zu Liners Lebzeiten nichts Aussergewöhnliches. «1913 wurden sechs Prozent der deutschen Milchproduktion für die Herstellung von Kunststoff verwendet, was nicht wenig ist», sagt Stüssi. Aus dem Milchkunststoff, auch Milchstein oder Galalith genannt, wurden damals Knöpfe, Gürtelschnallen oder Isolatoren für elektrische Geräte hergestellt. Später wurde Galalith verdrängt durch Kunststoffe auf Basis von Erdöl.

Galalith kommt dem herkömmlichen Plastik sehr nahe. «Es ist beständig und biologisch abbaubar, nur leider sehr empfindlich gegen Feuchtigkeit», sagt Stüssi. Hergestellt wird Galalith ähnlich wie Käse. Die Milch wird zusammen mit Essig erhitzt, bis sie «bricht» (beim Käse wird Lab statt Essig verwendet). Bei diesem Vorgang wird das in der Milch vorhandene Protein Casein abgespalten. Dieses wird mit einem Sieb abgeschöpft, geformt und getrocknet. «Am besten eignet sich dafür Magermilch», sagt Stüssi. Die Ausbeute sei jedoch gering:

«Pro Liter Milch erhält man ungefähr 30 Gramm Casein.»

Youtubevideos und eine Doktorarbeit als Hilfsmittel

Im Internet kursieren zahlreiche Anleitungen zur Herstellung von Kunststoff aus Milch. «Doch bei mir hat das nicht funktioniert, es begann zu schimmeln und zu stinken», sagt Stüssi. Neben Youtubevideos diente ihm die Doktorarbeit eines syrischen Diplomingenieurs als Nachschlagewerk. «Diese war mir jedoch an vielen Stellen zu hochstehend», sagt Stüssi und lacht. Folglich blieb ihm nichts anderes übrig, als zu experimentieren.

Um das Resultat gleich vorwegzunehmen: Stüssi ist gescheitert. Rund 16 Versuche hat er gemacht, jeden davon dokumentierte er akribisch in seinem Notizbuch, welches ebenfalls in der Ausstellung zu sehen ist. Stüssi variierte Menge, Temperatur, PH-Wert. Probierte unterschiedliche Methoden aus, um das Casein zu trocknen. An der Luft, in der Mikrowelle, im Dörrex.

Doch meist habe sich das Casein dabei «grässlich verformt». In der Mikrowelle sei es aufgrund der zu hohen Temperatur verbrannt. Und irgendwann war Stüssi mit seiner Geduld am Ende.

«Nach 16 Versuchen roch es in meinem Atelier wie in einer Molkerei.»
Das getrocknete Casein erhielt bei jedem Versuch eine andere Form und Farbe.

Das getrocknete Casein erhielt bei jedem Versuch eine andere Form und Farbe.

Bild: Claudio Weder

Nur ein einziges Mal gelang es ihm, eine Casein-Masse zu fertigen, die nahe an Kunststoff herankam und kaum bröckelte. «Nur leider gelang es mir nicht, diesen Versuch zu reproduzieren.»

Versuch Nummer zwei kam am nächsten an echten Kunststoff heran.

Versuch Nummer zwei kam am nächsten an echten Kunststoff heran.

Bild: Claudio Weder

Stüssi glaubt zu wissen, woran es gelegen hatte. «Im 20. Jahrhundert wurde für die Trocknung Formaldehyd verwendet, ein krebserregender Stoff. Ebenso erfuhr ich erst später, dass normalerweise Trocknungszeiten von bis zu einem halben Jahr nötig sind, damit der Kunststoff die richtige Konsistenz erhält.»

Resignation ist beim 43-Jährigen kaum zu spüren, Stüssi nimmt sein Scheitern mit Humor. Vorerst sei das Experiment zwar beendet, doch er weiss, dass es funktionieren kann. Vielleicht, so sagt er, werde daraus nun ein neues Kunstprojekt. Man werde sehen.

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