Europapolitik
«Die Schweiz und die EU sind mehr als nur Nachbarn. Wir sind eine Familie»: EU-Botschafter Petros Mavromichalis referiert und diskutiert an der Kantonsschule Trogen

Für die Lernenden der 5. Gymnasialklassen sowie der 3. Klasse Fachmittelschule fand am Dienstag ein Sondertag zur Geschichte der EU und ihrer Beziehung zur Schweiz statt. Das Highlight des Tages bildete der Besuch von Petros Mavromichalis, EU-Botschafter in Bern, mit dem die Schülerinnen und Schüler der Kantonsschule Trogen, nach seinem Referat, in Diskussion treten durften.

Lilli Schreiber
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EU-Botschafter Petros Mavromichalis, nach seinem Referat, mit Schülern der Kantonsschule Trogen.

EU-Botschafter Petros Mavromichalis, nach seinem Referat, mit Schülern der Kantonsschule Trogen.

Bild: PD

Die Begrüssungsrede für den Botschafter wird von drei Schülerinnen des Ergänzungsfachs Geschichte vorgetragen. Diese haben sich zusammen mit den anderen Lernenden aus dem Ergänzungsfach seit nunmehr vier Wochen intensiv mit der EU auseinandergesetzt und den Sondertag aktiv mitgestaltet.

Als Einstieg in die Begrüssungsrede haben die drei Schülerinnen einen Vergleich zwischen den 3054 griechischen Inseln und der Schweiz, die in gewissem Sinne auch eine Insel im Meer der EU-Staaten darstellt, gewählt. Treffend, denn Petros Mavromichalis ist nicht nur überzeugter Europäer, sondern kommt ursprünglich auch aus Griechenland. Der 56-Jährige ist seit September 2020 Botschafter der EU in der Schweiz und in Liechtenstein. An diesem Dienstag Nachmittag ist Mavromichalis in der Kantonsschule Trogen zu Gast, um sein Referat «EU-Schweiz, eine Partnerschaft mit Perspektiven» zu halten. Dabei bleibt auch das Rahmenabkommen nicht unerwähnt.

Schülerinnen und Schüler sind begeistert

Xenia Unseld ist Schülerin an der Kantonsschule Trogen.

Xenia Unseld ist Schülerin an der Kantonsschule Trogen.

Bild: Lilli Schreiber

Xenia Unseld, Schülerin an der Kantonsschule Trogen, schätzt die neue Perspektive auf die Beziehungen der Schweiz zur EU, die sie durch den Besuch des Botschafters bekommen hat. «Es ist etwas komplett anderes, wenn der Botschafter über die EU redet, als wenn das einer unserer Lehrer tut. So sind wir viel näher am tatsächlichen Geschehen dran», sagt die 18-Jährige. Xenia findet, der Botschafter habe etwas sehr diplomatisch gesprochen, aber das sei schliesslich auch zu erwarten gewesen.

Malena Ehrenzeller ist Schülerin an der Kantonsschule Trogen.

Malena Ehrenzeller ist Schülerin an der Kantonsschule Trogen.

Bild: Lilli Schreiber

Malena Ehrenzeller, ebenfalls Schülerin in Trogen, findet es vor allem wichtig, den richtigen Umgang im Gespräch mit Politikern zu lernen. Unseld und Ehrenzeller haben gemeinsam mit einer Klassenkameradin die Eröffnungsrede verfasst und vorgetragen. Darin beziehen die drei Referentinnen Stellung, und sprechen sich klar für eine weitere Annäherung der Schweiz an Europa aus. In ihrer Rede äussern sich die drei Schülerinnen immer wieder kritisch zur Haltung der Schweiz gegenüber der EU und stossen mit der Insel-Metapher immer wieder zum Denken an: «Wie soll sich diese Beziehung weiterentwickeln? Einen Schwimmkurs nehmen oder sich weiter ins Landesinnere der Insel zurückziehen? Oder typisch schweizerisch, einfach mal am Strand bleiben und abwarten?»

Mit dieser Meinung repräsentieren die drei Referenten allerdings nicht die Mehrheit der Schülerinnen und Schüler der Kanti Trogen. «In der Eröffnungsrede drücken wir unsere persönliche politische Meinung aus», sagt Ehrenzeller. Sie findet, dass zu wenig Jugendliche in ihrem Alter eine wirklich ausgeprägte Meinung zu den Beziehungen der Schweiz mit der EU haben. Ehrenzeller und Unseld meinen, dass sie mit ihrer Pro-EU-Stimme, hier an der Schule, sogar eher eine Minderheit vertreten. Ehrenzeller sagt:

«Die ganze Debatte rund ums Rahmenabkommen ist emotional zu sehr aufgeladen. Generell wird zu viel dagegen argumentiert, sodass die Proposition gar kein Thema ist.»
Gian Pitsch ist Schüler an der Kantonsschule Trogen.

Gian Pitsch ist Schüler an der Kantonsschule Trogen.

Bild: Lilli Schreiber

Der 18-jährige Gian Pitsch würde eher gegen ein Rahmenabkommen der Schweiz mit der EU stimmen. Er muss allerdings zugeben, dass er sich – sollte es zu einer Volksabstimmung kommen – vorher nochmals gründlich über die Vor- und Nachteile eines solchen Abkommens informieren müsste. Der Vortrag des Botschafters habe Pitsch allerdings gut gefallen. «Es war interessant, einmal einen Einblick hinter die ganzen politischen Prozesse der EU zu bekommen», sagt er.

«Die Schweiz kann nicht den Fünfer und das Weggli haben»

Petros Mavromichalis beginnt nach einer kurzen Vorstellung seiner Person mit dem Referat über die Beziehungen der Schweiz und der EU. Er selbst als Repräsentant der EU bezeichnet die Gründung eines Bündnisses zwischen den Europäischen Staaten als die beste Idee des 20. Jahrhunderts. Einem Jahrhundert, in dem Europa ansonsten nicht viele gute Ideen hervorgebracht hätte.

Im coronakonformen Abstand verfolgten zwei Klassen der Kantonsschule in Trogen das Referat des EU-Botschafters Petros Mavromichalis. Für alle anderen fand das Referat als Liveübertragung in verschiedenen Schulzimmern an der Kantonsschule statt.

Im coronakonformen Abstand verfolgten zwei Klassen der Kantonsschule in Trogen das Referat des EU-Botschafters Petros Mavromichalis. Für alle anderen fand das Referat als Liveübertragung in verschiedenen Schulzimmern an der Kantonsschule statt.

Bild: PD

«Die Schweiz und die EU vereint nicht nur die Geografie. Wir teilen auch dieselben Werte», sagt Mavromichalis. Er sieht die Schweiz ganz klar als europäisch geprägtes Land, das nur aufgrund seiner Neutralität und Souveränität nie dem Bündnis der EU beigetreten ist. Dafür habe es seitdem immer mehr Zugeständnisse der EU gegenüber der Schweiz gegeben. In der Eröffnungsrede der drei Kantonsschülerinnen wird von einer sogenannten «Extrawurst» für die Schweiz geredet. Mavromichalis sagt:

«Die Schweiz und die EU sind mehr als nur Nachbarn. Wir sind eine Familie.»

Petros Mavromichalis stellt klar, dass die EU die Schweiz auf keinen Fall zu einem Beitritt zwingen möchte. Er sehe es lediglich als Voraussetzung eines fairen Miteinanders, dass alle Parteien, die am europäischen Binnenmarkt teilnehmen, die gleichen Regeln einhalten. Das Rahmenabkommen sei daher wichtig, um die Verträge und die Beziehungen zur EU zu stärken. «Die Schweiz hat schliesslich keinen anderen Partner, mit dem sie so viel gemeinsam hat wie mit der EU.» Die Schweiz könne aber trotzdem nicht den Fünfer und das Weggli im Verkehr mit der EU haben, sagt Mavromichalis.