Europa wählt

1999 sollte Europa das Parlament wählen. Und nie schien es so einfach, eine Partei zu gründen. Olli suchte damals Interessierte. Die ersten Flugblätter waren vorbereitet. Der Name seiner Partei stand fest: ALLES - Anti-Liberale-Liste-Enger-Spenge.

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1999 sollte Europa das Parlament wählen. Und nie schien es so einfach, eine Partei zu gründen. Olli suchte damals Interessierte. Die ersten Flugblätter waren vorbereitet. Der Name seiner Partei stand fest: ALLES - Anti-Liberale-Liste-Enger-Spenge. Er wollte von der kleinsten Einheit zum Europäischen durchdringen. Vor Ort durchbuchstabieren und exerzieren, was den Kontinent verändern könnte.

Die ersten Programmpunkte standen schon fest: 1. Schluss mit den ausufernden Diskussionen. Ein klares Ja und ein klares Nein. Olli forderte 2. das Grundrecht auf Bildung – ohne Schulpflicht. Die Schule würde die SchülerInnen ja doch nur zu Sklaven erziehen, die in der Wirtschaft funktionieren, meinte er. Und 3. die Abschaffung der Zinswirtschaft. Olli hielt das Geldverdienen durch Zinsen für unmoralisch.

Er sagte auch so verlockende Sätze wie: Wenn wir auf die Zinsen verzichten, dann würden drei bis vier Stunden Arbeit pro Tag ausreichen. Wir hätten genug zu essen. Und niemand würde unter Druck geraten. Er forderte eine lustvolle Reduktion auf das Wesentliche. Wollte Liebe leben.

Als er auf dem Barmeierplatz in Enger sein Programm an den Mann und die Frau bringen wollte, reagierten die Ostwestfalen so wie immer. Abwartend. Zurückhaltend. Allem Neuen gegenüber skeptisch.

Während der Brunnen in der Mitte des Platzes vor sich hin plätscherte trug der Wind aus den offenen Fenstern eines alten Volvos eine Melodie von Tocotronic herüber: «Die Idee ist gut – doch die Welt noch nicht bereit.»

Lars Syring