Euphorischer Blick auf Ecuador

WATTWIL. Nach dem Überraschungserfolg mit «Schweizer Geist» bringt der Toggenburger Drogist und Filmemacher Severin Frei seinen zweiten Dokumentarfilm in die Kinos: «Pura Vida» ist ein euphorisches, schön gefilmtes Porträt über Ecuador.

Hansruedi Kugler
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Severin Frei präsentiert sein Filmplakat zu «Pura Vida». (Bild: Hansruedi Kugler)

Severin Frei präsentiert sein Filmplakat zu «Pura Vida». (Bild: Hansruedi Kugler)

Zu Ecuador hat Severin Frei ein inniges Verhältnis. Hier ging er als Jugendlicher ein Jahr lang zur Schule, seine Mutter Rosa Frei führt in diesem immer noch armen südamerikanischen Land an der Pazifikküste seit 22 Jahren ein Hilfsprojekt mit Patenschaften für Jugendliche, die dank ihr eine Ausbildung machen können. Für sie hat Severin Frei auch einen Film über ihr Entwicklungsprojekt realisiert. Hauptberuflich arbeitet Severin Frei als Drogist in Wattwil, mit einem Teilzeitpensum. Nebenbei ist er ein begeisterter Weltentdecker – ein Mann mit ausgeprägt positiver Lebenseinstellung. Das prägt auch seine Filme. «Ich kenne die Armut, das Elend, die Trostlosigkeit in Ecuador sehr gut. Aber dieses Land ist zugleich unglaublich vielfältig und überwältigend schön.» Mit einem ebenso atemberaubenden Film wollte er die Naturschönheiten sowie die Zufriedenheit und den Stolz der Menschen würdigen: «Pura Vida», das reine Leben.

Spontane Begegnungen genutzt

So scheut Severin Frei denn auch nicht die grosse Geste: Da ist von «Paradies» die Rede, von «magischen, bezaubernden Orten». Man bekommt logischerweise dramatische Meeresbrandung und imposante Berge, herzige Kinder und stolze Indios, Echsen und Meeresschildkröten zu sehen: «Pura Vida» ist ein opulentes, euphorisches und gelegentlich ziemlich pathetisches Farb- und Filmspektakel. Gedreht hat Severin Frei den Film während zweier Reisen: Zweieinhalb Monate im 2014 sowie einen Monat in diesem Jahr. Zusammen mit einem Schweizer Kollegen habe er die Reiseroute festgelegt, in Ecuador selbst aber auf spontane Begegnungen gehofft: «In meinen Filmen funktioniert das eigentlich immer sehr gut», sagt Severin Frei. Sein perfektes Spanisch und seine herzliche, positive Art öffnen gerade in ländlichen Regionen sehr viele Türen. Sogar den Amazonas-Indio Tzamaren vom Stamm der Shuar konnte er für mehrere Tage besuchen. Dieser ist eine Art schamanistischer Naturheiler, der mit Rauchzeremonien allerlei Krankheiten heilt. Dem Schweizer Filmemacher gibt er eine nicht gerade überraschende Botschaft mit: «Amazonien braucht kein Geld, es braucht nur den nötigen Respekt.»

Vom Meer zum Himmel

Severin Frei steigt auf den Chimborazo, mit 6310 Metern der höchste Berg Ecuadors, fährt nachts mit einem Fischer aufs Meer, begleitet eine Trachtengruppe, filmt auch in der Hauptstadt. Aber nur kurz, denn auf dem Land fühlt er sich sichtlich wohler: Hier seien die Menschen offener, zugänglicher, sagt er. Hier wird er eingeladen, filmt das Schlachten von Meerschweinchen in der Bauernküche, spricht mit einer alten Frau, besucht einen Kleinbauern, der Bananen anbaut, stösst im Hochland auf Frauen, die Silberschmuck herstellen und Wolle färben. Und trifft überall Menschen, die von der Zufriedenheit im Leben und von der Liebe zum Land sprechen. Dann steht plötzlich ein umgekippter Tanklastwagen vor der Kamera: Ein nächtlicher Unfall mit mindestens vier Toten.

Erfinderischer Selfmade-Filmer

Aus dem Amazonasurwald springt der Film direkt zu den Leguanen, Robben und Schildkröten auf Galapagos. Und dort liegen die Motive träge und genügsam direkt vor der Kamera: «Es ist einfach unglaublich. Die Tiere dort haben überhaupt keine Angst, man könnte sie sogar streicheln, weil sie noch nie negative Erfahrungen mit Menschen gemacht haben.» Severin Frei kommt ins Schwärmen und mit Stolz erzählt er vom Zustandekommen der phantastischen Unterwasseraufnahme einer Meeresschildkröte. Der Trick: «Man muss ihnen den Rücken zudrehen und nach hinten filmen, sonst flüchten sie», sagt Severin Frei. Galapagos ist ein extrem teures Pflaster. 6000 Dollar pro Person kostet eine Reise dorthin. Er habe für den Besitzer eines Passagierschiffs einen Werbefilm gedreht, erzählt Severin Frei. So habe er schliesslich gratis hinfahren können. Wer vollständig auf eigene Rechnung filmt, muss gelegentlich erfinderisch sein.

Bananenplackerei

Einige Widersprüche löst der Film nicht auf. So heisst es etwa zu Beginn: «Gearbeitet wird hart, aber immer mit Begeisterung.» Der Kleinbauer sagt dann aber später: «Der Anbau der Bananen rentiert sich für Kleinbauern nicht mehr. Das Bananengeschäft ist eine Mafia, nur die Grossen machen Geld damit.» Die Plackerei ist augenfällig: Die Arbeiter buckeln bis zu 50 Kilogramm die Hügel runter – zwei Bananenstauden mit je Dutzenden von Bananen. Die eigenen Dreharbeiten seien zwar ebenfalls anstrengend gewesen, sagt Severin Frei. Aber für ihn stehe das Erlebnis immer im Vordergrund. Er sei ein Reisender und Entdecker. Für «Pura Vida» hat er seine Filmausrüstung wesentlich erweitert: Die Drohne war immer dabei, und eine Schiene, mit der er Kamerafahrten ausführen konnte, schleppten er und sein Kollege jeweils mit. Darum hatten sie auch ein Auto gemietet, mit dem sie durch Ecuador fuhren. «Pura Vida» würde sich gut für eine touristische Werbung eignen. Damit hat Severin Frei keine Mühe. Er betont aber, touristische Orte habe er gemieden. «Die Menschen haben mir nie etwas vorgespielt.»

«Pura Vida», Premiere im Kino Passerelle, Donnerstag, 17. September, 20. 15 Uhr, mit Filmemacher Severin Frei