Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Spass beim Lesen.

Es war einmal ein Hitzesommer

Heute vor 72 Jahren schrieb die «Appenzeller Zeitung» über einen heissen Sommer – bloss der Blickwinkel war damals ein anderer. So wurde eher über die Auswirkungen der Hitze auf die gesamte Bevölkerung als über Einzelschicksale berichtet.
Philipp Wolf
Seit jeher lockt bei heissen Temperaturen ein Sprung ins kühle Nass – so wie hier im Sommer 1947. (Bild: ETH-Bibliothek Zürich/Comet Photo AG/Com_M01-0455-0005/CC BY-SA 4.0)

Seit jeher lockt bei heissen Temperaturen ein Sprung ins kühle Nass – so wie hier im Sommer 1947. (Bild: ETH-Bibliothek Zürich/Comet Photo AG/Com_M01-0455-0005/CC BY-SA 4.0)

Am 29. Juli 1947 zeigte das Thermometer in Heiden 29,9 Grad. Noch nie zuvor wurde in der Vorderländer Gemeinde eine so hohe Temperatur gemessen. Grund genug, einen Blick auf die Berichterstattung der «Appenzeller Zeitung» über den ausserordentlich heissen und trockenen Sommer vor 72 Jahren zu werfen. Es zeigt sich, dass schon damals ausgiebig über die Hitze berichtet wurde – der Fokus der Berichterstattung jedoch war ein anderer. Gleichzeitig thematisierten die Journalistinnen und Journalisten bereits Phänomene, die heute der ganzen Welt Sorgen bereiten.

Die Temperaturobergrenze in unseren Breitengraden

1947 ächzte das Appenzellerland und mit ihm die ganze Schweiz sowie grosse Teile Europas unter einem äusserst heissen und trockenen Sommer. Von einer «Rekordhitze» und dem «heissesten Tag des Jahrhunderts» schrieb die «Appenzeller Zeitung» mit Blick auf den 29. Juli.

Man war sich sicher: Dieser Tag wird «auf lange Zeit, vielleicht auf Generationen hinaus als der heisseste jemals in der Schweiz erlebte Tag verzeichnet bleiben». Die landesweit höchste Temperatur wurde an diesem 29. Juli mit 38,7 Grad in Basel gemessen. Die Zeitung zog Vergleiche zu 1911, dem vormals heissesten Sommer, den Europa bis dato erlebt hatte, um die Hitze von 1947 in Relation zu setzen. Mit Blick auf die beinahe 39 Grad in Basel wurde geschrieben:

«Temperaturen in dieser Höhe sind nicht mehr weit von der obersten Grenze entfernt, bis zu der in Mitteleuropa die Sommerhitze sich überhaupt steigern kann.»

In unseren Breitengraden würden Temperaturen nicht über 40 bis 41 steigen, schrieben die Kolleginnen und Kollegen. Woher genau diese Überzeugung kam, wird aus dem Artikel heraus leider nicht ersichtlich.

Ein Jahrhundertrekord für zwei Tage

In den ersten Tagen nach der Heidler Rekordtemperatur – die aus den Annalen von Meteo Schweiz hervorgeht – lag der Fokus der Lokalberichterstattung zunächst auf den positiven Nebeneffekten des heissen, trockenen Wetters. So schrieb die «Appenzeller Zeitung» am 31. Juli 1947:

«Der Kurort Heiden weist gegenwärtig eine ausgezeichnete Frequenz auf. Die heissen Tage bringen dem Schwimm- und Sonnenbad Hochbetrieb.»

Gleichzeitig war der 29. Juli 1947 als der «heisseste jemals in der Schweiz erlebte Tag» bereits wieder Geschichte. Denn schon tags darauf wurden in Solothurn 39,8 Grad gemessen. Die für die Schweiz ungewöhnliche Hitze veranlasste die «Appenzeller Zeitung» dazu, die hiesigen Temperaturen mit südlicher gelegenen Orten zu vergleichen – wie es heute gang und gäbe ist. In Solothurn war es Ende Juli 1947 heisser als beispielsweise in Florenz, Bologna, Rom oder Neapel.

Der Platz, welcher der Wetterberichterstattung schliesslich den August hindurch eingeräumt wurde, variierte teilweise stark von Ausgabe zu Ausgabe. Artikel über Hitze oder Trockenheit hatten noch kein zusammenfassendes Logo, welches die Berichte über die Hitze als solche kennzeichnete. Mal fanden sich zum Wetter lediglich ein paar Zeilen in den Neuigkeiten zu einer spezifischen Gemeinde. Mal füllte der Hitzesommer praktisch eine ganze Zeitungsspalte von oben bis unten.

Volk kommt vor dem einzelnen Bürger

Mehr als 60 Jahre vor den ersten Livetickern und Push-Meldungen lag der Fokus der Journalistinnen und Journalisten bei ihrer Berichterstattung über die Hitze vor allem auf den strukturellen Problemen, welche die hohen Temperaturen begleiteten. Die Zeitungen wussten bereits damals zu dramatisieren, doch taten sie dies auf eine ganz andere Art und Weise. So waren die Berichte eher generell gehalten, stellten dabei aber das Gemeinwohl über alles, wie folgender Ausschnitt zeigt:

«Der schöne Sommer, der für den Nichtlandwirt eitel Freude ist, bedeutet für den Bauern eine Katastrophe. [. . .] Die Gesamtheit des Volkes wird deshalb beisteuern müssen, um der Landwirtschaft zu helfen.»

Berichte über Einzelschicksale von Bauern, die Vieh notschlachten mussten, oder Glaceverkäuferinnen, die das Geschäft ihres Lebens machten, waren im August 1947 nicht in den Zeitungen zu finden.

Auch Überschriften wie «Das sind die Ostschweizer Gewinner der Hitzewoche» oder «Die nächste Hitzewelle rollt an – nach diesen
fünf Punkten bist du vorbereitet» sucht man 1947 vergebens – im Gegensatz zu den Hitzeperioden in diesem und den vergangenen Jahren. Wo heutzutage, beispielsweise im «Blick», erklärt wird, wie man bei einer «Affenhitze» noch schlafen kann «wie ein Baby», wurde vor 72 Jahren die Milchknappheit thematisiert.

Gletscherschmelze fällt bereits 1947 auf

In die Berichterstattung zum Sommer 1947 wird auch eine Thematik aufgegriffen, die heute längst als Sinnbild des Klimawandels gilt: «Das Sterben der Gletscher.» Am 26. August vor 72 Jahren schrieb die «Appenzeller Zeitung» bereits von einem Prozess, der Jahr für Jahr neue «Felsenfenster» hervorbringe. Ausführlich wird darauf eingegangen, welche Schweizer Gletscher am stärksten geschrumpft waren. So schrieb das Blatt, lange bevor das Wort «Klimawandel» überhaupt kreiert worden war, zwar ein wenig pathetisch, aber doch treffend:

«Wenn dieses Gletschersterben auf diese rapide Art und Weise weitergeht, dann wird uns um das Bestehen dieser Zierde der Alpen und der wertvollen Wasserreservoirs Angst und Bange.»

Heute gehören Meldungen zu schmelzenden Gletschern in jedem noch so durchschnittlichen Sommer zur Berichterstattung der Zeitungen. Die in Heiden am 29. Juli 1947 gemessene Temperatur von 29,9 Grad hatte als Rekordmarke bis zum 12. Juli 1991 und der Messung von 30,4 Grad Bestand. Seit Beginn des 21. Jahrhunderts wurde diese Marke bereits mehrmals überschritten – so beispielsweise während der heissen Tage in der vergangenen Woche. Auch die vor 72 Jahren von der «Appenzeller Zeitung» propagierte Temperaturobergrenze von 41 Grad für Mitteleuropa wurde längst durchbrochen. Seit längerem verging kein Sommer, in dem diese Grenze nicht irgendwo überschritten wurde.

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.